Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der Wuhrbau

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

In einer Häusergruppe von Cierfs im bündnerischen Münsterthale wohnten einst lauter Witwen und Waisen. Ob die Gatten und Väter derselben vom "schwarzen Tode", einer Seuche, die in ganz Europa wüthete, hingerafft, oder von Kaiser Maximilians Landsknechten im Schwabenkriege, oder von Baldirons Horden im Religionskriege getödtet worden seien, ist nicht bekannt. In der Nähe der Häuser rauscht ein gefährlicher Wildbach aus dem Walde hervor, der oft die Wiesen verwüstet. Eines Tages schleppten die Witwen und Waisen keuchend und schwitzend Steine und Baumäste herbei, um einen schützenden Damm aufzuführen. Die jenseits des Baches wohnenden Männer bauten auf ihrer Seite ein festes Wuhr mit Felsblöcken und Lärchenstämmen. Statt den Witwen und Waisen nach dem Gebote Gottes hilfreiche Hand zu bieten, spotteten sie herzlos derselben, indem sie sagten: "Wenn ein Vöglein sich auf euern Damm stellt, wird er zusammenstürzen." In der folgenden Nacht zitterte der Boden weit und breit; die "Rüfe"  stürzte krachend aus dem Wald hervor. Eine unsichtbare Hand schützte aber den schwachen Damm, während das feste Wuhr fast spurlos verschwand.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch