Die Weihnachtsrose
In der heiligen Weihnacht sehen wir in Puschlav nach dem Wendgottesdienste in der Kirche einige Frauen und Töchter in ein Haus gehen. Da setzen sie sich an einen Tisch, der mit einer schönen Decke geschmückt ist. In der Mitte brennender Lichter steht ein mit Wasser angefülltes Gefäss, in welchem sich eine dürre Pflanzenwurzel mit feinsten Fasern befindet. Die rings herumsitzende andächtige Gesellschaft stimmt Psalmen und Weihnachtshymnen an. Mit den Gesängen wechseln religiöse Gespräche. Gegen Mitternacht nehmen die durch das Wasser aufgeweichten Fasern der mysteriösen Wurzel die Gestalt von schmalen Blättern an, und bilden gleichsam einen Blumenkelch. Dann sagt man: "Die Weihnachtsrose hat sich geöffnet!" In das Jubellied, welches nun angestimmt wird, mischt sich das feierliche Geläute vom St. Victors- Thurm, welches die Einwohner Puschlav's an die gnadenreiche Geburt des Weltheilandes erinnert. Diese Sitte ist sehr alt. Man nennt sie "der Weihnachtsrose wachen." Es sind nur drei oder vier solcher wunderbaren Wurzeln oder Zwiebeln vorhanden, die wie Famllienheiligthümer aufbewahrt werden. Man gibt vor, dass sie aus fernen, fernen Ländern herstammen.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch