Die Lerchen
Es gab eine Zeit, wo die Herren auf den Burgen von Petnal und Castlatsch oder Castlins gegen das arme Volk von Süs im Engadin auf eine Weise wütheten, welche dasselbe endlich zu dem verzweiflungsvollen Rathschluss brachten, ihre Tyrannen anzugreifen und sich von ihnen zu befreien, oder aber bei dem Versuche zu sterben. Das Glück war ihnen so günstig, dass die eingeschlossenen Burgherren, als der Mangel an Lebensmitteln zunahm und ihnen zuletzt auch das Wasser abgeschnitten wurde, um Frieden baten. Er wurde ihnen bewilligt, ja sogar freier Abzug mit so viel von ihrem Eigenthum, als sie mit sich wegzutragen vermöchten. Die Ritter aber trautem dem Volke nicht, und bereiteten eine nächtliche Flucht vor, wobei sie, um vor Verfolgung sich zu sichern, ihre Pferde verkehrt beschlagen liessen. Möglich, dass der Hufschmied sie verrieth, kurz das Volk erhielt Kunde davon und stellte sowohl beim Crap Sasslatsch, so heisst der Felsen an der Strasse nach Lavin, als bei der Puniasca-Brücke einen Hinterhalt auf, in welchen die Ritter fielen und bis auf einen, Namens Martin, der sich mit seinem Pferde in den Inn stürzte und glücklich auf die andere Seite hinüber entrann, sämmtlich erschlagen wurden. Seither singt vom Crap Sasslatsch bis Punt Puniasca keine Lerche mehr, auch hat niemand bei meiner Väter und bei meinem Gedanken innert dieser Grenzen eine Lerche gehört, während Wald und Flur jenseits von ihnen ertönt. So sehr widerstrebt Falschheit und Verrath selbst der Natur des unvernünftigen Thieres.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch