Der letzte Vogt auf Pedenale
Das Puschlav-Thal, welches sich vom Fusse des majestätischen Bernina bis an die alte, von Kastanienbäumen umgebene Grenzveste Platta mala ausdehnt und gleichsam in die lombardische Ebene hinunter züngelt, war in früheren Jahrhunderten lange ein Zankapfel zwischen Mailand und Chur. Im Jahre 1487 musste Ludwig Moro von Mailand, der sich übermüthig der "erstgeborene Sohn des Glückes" nannte, Puschlav nebst Brusio an Bünden abtreten. Der Bischof von Chur, der Ansprüche auf das Thal hatte, schickte nun seine Vögte dahin, welche in dem Schlosse Pedenale wohnten, das eine kleine halbe Stunde südwestlich vom Hauptflecken auf einem weitschauenden Hügel stand. Die bischöflichen Kastellane waren um nichts besser als die andern Burgvögte in den rhätischen Landen. Sie herrschten mit Härte und Willkür.
Auch der Landvogt auf Pedenale achtete weder göttliches noch menschliches Recht. Mancher Unschuldige musste in dem Burgverlies seines Schlosses verschmachten.
Eines Tages liess er einen Bauer, der die von ihm verlangten Abgaben nicht entrichten konnte, in die dunkle Höhle werfen, in welche nie ein Sonnenstrahl fiel. Umsonst flehten Frau und Kinder um die Freilassung ihres Gatten und Vaters. Ihre heissen Thränen konnten den harten Mann nicht erweichen.
Eines Tages ging der Vogt mit zahlreichem Gefolge auf die Bärenjagd. Auf der Bergterrasse, von der jetzt die zwei Kirchlein von Selva in's Thal herabschauen, trat die Gattin des Gefangenen mit einem Säugling auf dem Arme vor den Vogt und bat ihn, dass er sich um Gotteswillen ihrer unschuldigen Kindlein erbarme und ihnen den Vater zurückgebe. Statt Trostes kam aus dem Munde des Tyrannen die Drohung, den Bauer, wenn das Verlangte nicht bezahlt werde, im Kerker verschmachten zu lassen. Da reichte die Mutter in der Verzweiflung dem Vogte, der neben einem grossen Stein stand, den Säugling hin mit den Worten: "Tödtest du den Vater, so ernähre sein Kind!" Der Unmensch ergriff den Säugling und zerschmetterte ihn am Steine. Da rief die Mutter: "Möge der Stein in alle Ewigkeit von deinen Thränen befeuchtet werden, wie er jetzt von dem Blute meines unschuldigen Kindes benetzt ist!" Der erzürnte Himmel sendete sogleich einen tödtenden Blitzstrahl hinunter, welcher das gottlose Herz des Vogtes traf und zugleich auch den Stein spaltete.
Seither muss der Vogt bis auf den heutigen Tag jede Nacht einen Umzug um den Stein machen, und ihn mit seinen Thränen benetzen.
Als die Kunde von dem Vorgefallenen in's Thal hinunter gelangte, stürmten die ergrimmten Einwohner nach Pedenale, und machten das Tyrannennest dem Boden gleich. Auf dem Hügel, wo einst die stolzen Vögte ihr Wesen trieben, werden jetzt Kartoffeln gepflanzt.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch