Jörg von Jörgenberg
Ritter Jörg von Jörgenberg im Bündner Oberland bedrückte ohne Erbarmen das Volk; er war darum misstrauisch, verliess seine starke Veste selten, und liess eine lederne Brücke verfertigen, die von dem hohen Bau bis an den Pfad der gegenüberstehenden Felswand reichte, und von dem Herrn zurück in das Schloss gezogen wurde, wenn er darinnen schlief. Da erhob sich das Volk gegen den Unterdrücker, belagerte die Burg, und zwang den Herrn durch Hunger zur Übeŗgabe. Der Freiherr sollte sich als Gefangener stellen, und bedingte nur, dass seine Frau mit dem Reste der Lebensmittel in einem Korbe frei aus der Veste ziehen möge. Es wurde von den Landleuten das Beding gutgeheissen; die Freifrau zog ungehindert mit einem grossen Korbe ab. Die Sieger drangen in das Schloss, aber der Freiherr war nirgendwo zu finden. Er hatte in dem Korbe gelegen, und mit sich alle Urkunden seiner Herrschaftsrechte gerettet. Diese wurden, da er in fremdem Lande war, von ihm geltend gemacht; und die Landleute, des Herrn Rechte ehrend, zahlten ihm und allen seinen Erben die schuldigen Steuern. Nur gegen die Willkür hatten sie Krieg geführt, nicht gegen das Recht.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch