Die Pilatus-Sage
Pontius Pilatus, der Landpfleger von Judäa, verwaltete seine Provinz so schlecht, dass Tiberius Cäsar, welcher überdies über die Hinrichtung des Heilandes schwer erzürnt war, ihn nach Rom berief, um ihn vor Gericht zu stellen und zu bestrafen. Als aber der Angeklagte vor dem Kaiser erschien, empfing ihn dieser so freundlich und behandelte ihn so achtungsvoll, dass alle bei der Vorstellung Anwesenden darüber in das höchste Erstaunen geriethen. Kaum war indessen der Landpfleger entlassen, so kehrte der Zorn des Kaisers zurück, und Pilatus wurde nochmals vorgefordert; aber ebenso freundlich empfangen und so ehrenvoll entlassen als vorher. Dasselbe wiederholte sich noch mehrere Male.
Da schöpften die Hofleute Verdacht, dass der Angeklagte an seinem Körper ein Amulett von sehr kräftiger Wirkung verborgen haben möchte; sie durchsuchten ihn daher im Vorsaal, und entdeckten bald den ungenähten Rock des Heilandes, welchen er unter seinen Kleidern angelegt hatte. So wie sie ihm denselben ausgezogen hatten, und ihn nochmals dem Cäsar vorführten, gerieth dieser in den heftigsten Zorn über den ungetreuen und ungerechten Richter, und verurtheilte ihn sogleich zu dem schmachvollsten Tode. Aber Pilatus erwartete die Vollstreckung des Urtheils nicht; sobald er in das Gefängnis gebracht worden war, entleibte er sich mit seinem Schwerte, nach andern mit seinem Tischmesser.
Sein Leichnam ward nach alter Sitte als der eines Selbstmörders in die Tiber geworfen. Aber bald darauf brachen wilde Stürme und fürchterliche Regen- und Hagelwetter über Rom los, und wochenlang krachte der Donner, bebte die Erde unaufhörlich. Als man endlich die Ursache des Unwetters entdeckt hatte, zog man den Körper des Landpflegers aus dem Wasser, und führte ihn nach Vienne in Gallien, wo man ihn in die Rhone versenkte. Aber auch da entwickelten sich Stürme und Gewitter genau wie in der Hauptstadt des römischen Reiches, und abermals suchte man den Leichnam und schickte ihn, als man ihn gefunden, nach Lausanne. Als auch hier der unselige Geist die Einwohner in derselben Weise heimsuchte, brachte man den Todten endlich auf ein hohes, wildes und unzugängliches Gebirge, das etwa vierzig Stunden von der Stadt entfernt liegen mochte, und stürzte ihn dort in einen keinen und einsamen See. So kam Pilatus auf den Fracmont.
Auch dort beharrte der böse Geist in seinem Treiben, und Gewitter und Stürme brausten fortwährend um den Berg; aber die Anwohner konnten lange nichts dagegen thun, weil niemand mehr den Friedensstörer bei sich aufnehmen wollte. Bald watete dieser in seinem See herum und regte ihn auf, dass er überströmte und seine Gewässer in das Thal ergoss; bald stürmte er auf dem Gebirge selbst hin und her, vertrieb die Hirten, jagte die Heerden auseinander, und stürzte sie in die Abgründe; bald stritt er wieder mit andern Gespenstern und namentlich mit dem König Herodes. In der Regel aber befand er sich auf einer Bergspitze, welche gegen das Entlibuch hinsteht, die Güpfe heisst, und ganz oben eine hervorspringende Platte, die sogenannte Kanzel, hat. Dort sass er, und erregte die Unwetter, welche das Land verheeren.
Endlich kam einmal ein fahrender Schüler in die Gegend, und die Einwohner boten ihm eine grosse Summe Geldes, wenn es ihm gelänge, den bösen Geist zur Ruhe zu bringen. Der Zauberer versprach, wenigstens einen Versuch zu machen. Er bestieg den Berg und gelangte nach mehreren Stunden auf die Güpfe, wo Pilatus eben wieder thronte. Hier stellte er sich auf einen grossen Stein, und begann seine Beschwörungen. Trotzdem er aber kräftige Sprüche vorbrachte, und dabei so lebhaft verfuhr, dass der Stein sich löste und hin und her zu schwanken anfing: Pilatus wich nicht einen Zoll breit. Da traf der fahrende Schüler Vorbereitungen zu noch stärkeren Beschwörungen. Er ging gen Osten hin, auf eine der Güpfe gegenüberliegende Spitze des Berges, das Widderfeld, und begann hier mit dem Unseligen einen erneuten Kampf, welcher zuletzt so heftig wurde, dass noch lange lange Zeit eine Stelle deutlich sichtbar war, welche ein mit einem höheren Rand versehens Viereck von sechs Fuss im Quadrat bildete, und mit den schönsten Gräsern bewachsen war, aber in der Mitte etwa anderthalb Fuss breit, durch die Tritte des Beschwörers ihre Rasendecke für immer verloren hatte. Da setzte sich noch lange nachher kein Thau an, und wurde nie ein Thier gesehen.
Endlich musste der Geist, welcher lange in wildem Wirbel den fahrenden Schüler umkreist hatte, den mächtigen Formeln weichen; er fing an, mit seinem Gegner zu unterhandeln, und versprach, sich in seinen See auf der Oberalp zurückzuziehen und sich dort still und friedsam zu verhalten, falls man ihn nicht beunruhige und ihm ausserdem gestatte, alljährlich an einem Tage seine feuchte Behausung zu verlassen, und frei und ungebunden auf dem Berge umher zu wandeln.
Gern nahm der Schüler diese Bedingungen an, und gab sogleich einem bösen Geiste die Gestalt eines schwarzen Rosses, damit Pilatus zum See hinabreiten könne. Man erzählt, dass dieser so wild davon galoppiert sei, dass die Hufe der Hinterfüsse des Höllenrosses sich in einem Felsen nahe am See tief eindrückten, und ihre Spur bis auf den heutigen Tag durch Jahrhunderte gesehen werden kann.
Treulich hielt Pilatus seinen Pact. Alljährlich am Charfreitag, also an dem Tage, an welchem er den Heiland zum Kreuzestode verurtheilt hatte, stieg er aus dem Wasser empor, und setzte sich, mit der rothen Kleidung seines Amtes angethan, auf den Richterstuhl, welcher sich mitten auf dem See erhob. Wer ihn dann erblickte, musste noch im Laufe des Jahres sterben. Zu allen übrigen Zeiten verhielt er sich dagegen ruhig, sobald man ihn ungeneckt liess. Wenn man aber in der Nähe des Sees lärmte und schrie, den Geist rief, Steine, Holz oder sonst irgend etwas in das Wasser warf, in dieses trat, oder mit einem Stocke darin rührte, oder gar seine Tiefe auszumessen versuchte: dann zogen sich sogleich Wolken um den Berg zusammen, und ein fürchterliches Unwetter brach mit Blitz und Donner los, ja der See spie sogar feurige Dünste aus. Dagegen blieb der Himmel hell und klar, wenn in Folge eines Zufalles oder durch die weidenden Heerden das Gewässer bewegt und verunreinigt wurde.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch