Die Thalherren im Enziloch
Am Fusse der hohen Enzen, des Gebirgsknotens zwischen den Luthernthälern und Trubenbergen, nahe am aussichtreichen Napf nächst der Bernergrenze, liegt das Enziloch. Sein Abgrund wird durch eine senkrechte, drei Kirchthürme hohe Fluh gebildet. In seiner Tiefe wohnen die Geister derjenigen, welche reich und mächtig in ihrem Leben, ihre Macht und ihren Reichthum zu Unterdrückung der Armen und Schwachen missbrauchten. Wenn der Sturmwind des Nachts die Schlucht durchheult und die Aeste der Tannen und Eichen krachen macht, so sagen die Bewohner jener Gegend: "Sie bringen einen andern Thalherrn her." So nennen sie die Geister, welche das Enziloch bewachen. Wenn das Wetter schlecht werden will, so hört man wohl auf mehrere Stunden weit vom Enziloch her ein gewaltiges Krachen und Donnern, als ob man mit Kanonen schiesse. Dieses Krachen rührt von riesigen Felsblöcken und Baumstämmen her, welche "die Thalherren" aus der Tiefe herauf wälzen müssen, zur Strafe für ihre im Leben begangenen Unthaten, und diese Strafe ist um so schwerer, da es ihnen nie gelingt, die Wucht an's Ziel, d. h. über den Rand des Abgrundes herauf in die Ebene zu wälzen. Immer und immer wieder, wenn sie ihr Ziel gewonnen zu haben glauben, entgehen ihnen Blöcke und Balken, und fahren donnernd in die Tiefe zurück.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch