Die Sträggele und der Dürst
Es war einmal auf einer der vielen Burgen im Lande ein übermüthig Edelfräulein, das von allen Speisen am meisten das Wildpret liebte. Als nun einmal ihr Geburtstag auf einen Fastenfreitag gefallen, da äusserte es in Gegenwart vieler adeliger Gäste ungescheut den Gelust, von einem frisch erlegten Wildschweine essen zu mögen. Darüber haben alle Anwesenden, bis auf ihren Buhlen, sich billigermassen in tiefem Stillschweigen entsetzt; dieser aber erklärte sich sogleich bereit, dem Fräulein auf die Jagd zu folgen. Fröhlich ritten sie mit ihren Hunden auf die Jagd, aber nimmer kehrten sie wieder zurück. Für ihren frevelhaften Leichtsinn und Uebermuth wurden sie verdammt, jeden Fastenfreitag in der Mitternachtsstunde und auch sonst in gewissen Nächten des Jahres als wilde Jagd in's Land hinaus zu fahren. Von den schroffen Felsen des Pilatus, durch den Schattenwald, über den Hundsrücken, durch den Schiltwald, das Hochdorfamt, das Suhren- und Wiggerthal geht's mit Pferdeschnauben und Hundegebell bald hoch in der Luft, bald ganz nieder über den Boden hin, wie Sturrmwind durch das Land. Alsdann bekreuzen sich die Bewohner ängstlich und sagen: "Die Sträggele und der Dürst kommen."
Die Sträggele erscheint aber in der Frohnfastennacht am Mittwoch in der Woche vor Weihnachten auch allein, hauptsächlich um die faulen Mägde zu strafen, welche ihr Tagewerk nicht vollbracht.
In dem kleinen Dörfchen Urswyl bei Hochdorf hatte eine strenge Stiefmutter ihrem schwächlichen Stiefkinde einen schweren Tagwen (Tagewerk) mit Spinnen aufgegeben, unter der Drohung, wenn es selben bis neun Uhr abends nicht fertig habe, so werde es zum Fenster hinaus der Sträggele überliefert. Eine Nachbarsfrau sollte nach Abrede die Rolle der Sträggele übernehmen. Da nun der Tagwen wirklich nicht fertig geworden, da rief die Stiefmutter der Sträggele, und schob das schreiende Kind zum Fenster hinaus. Bis hoch hinauf in die Luft ertönte sein Wehegeschrei. Die Sache hatte fehlgeschlagen, die rechte Sträggele war gekommen. Am nächsten Morgen fand man die schrecklich zerstümmelten Glieder des Kindes im Dörfchen, und rings um dasselbe zerstreut, da wo jetzt noch zum Andenken an die schreckliche Begebenheit die vielen Helgenstöcklein stehen.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch