Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Die Bergmännchen auf dem Pilatus

Land: Schweiz
Kanton: Luzern
Kategorie: Sage

In reicher Zahl bewohnten geheimnissvolle Bergmännchen den Pilatusberg, von seinen Spitzen bis hinab zu seinem breiten Fuss. Urplötzlich erschienen sie aus ihren unterirdischen Gängen, und ebenso blitzschnell verschwanden sie wieder. Es waren kleine, kaum zwei Schuh hohe Männchen in grünem Röcklein, welches die geheimnisvollen Gänsefüsschen deckte, mit rothen Barettchen auf dem langen, schneeweissen Haare, und mit bis auf den Boden wallendem Silberbarte. Sie hüteten die Gemsthiere und die Fische des Rümligs gegen unberufene Jäger und Fischer, halfen dienstbereit den Sennen mit Melken und Hüten für ein Kächelchen Milch. Wer aber durch schnöde Worte, Lieblosigkeit oder rohes Wesen sie erzürnte, hatte ihre Rache zu fürchten.

Als einst der reiche Klaus auf der prächtigen Kastelenalp, das schönste Sennten des ganzen Berges sömmerte, kam Magdalena, die einzige Tochter seiner armen, kranken Base zu ihm hinauf, ihn um Unterstützung für die Mutter anzuflehen. Aber Klaus hatte für sie nur Hohn und Spott. Das Mädchen klagte auf dem Heimwege weinend solches Leid ihrem Geliebten Alois, der Handbub in der benachbarten Bründlenalp war. Der schenkte ihr das einzige Käschen, das er für seine Nothdurft in der Hütte hatte. Freudig eilte das glückliche Mädchen damit heim, nachdem ein fürchterlich Ungewitter, das Stunden lang getobt, sich endlich wieder verzogen. Da glitscht das arme Kind auf dem nassen Alpenrasen aus. Das Käschen entfällt seinen Händen und rollt in hohen Sprüngen von Band zu Band unaufhaltsam in die Tiefe. Trostlos weinend sieht Magdalena ihm nach.

Da fühlt sie plötzlich sich am Kleide gezupft und sieht erschrocken zurück. Vor ihm steht in der Abenddämmerung Schleier, im grünen Kleide mit rothem Käppchen und bis auf den Boden wallendem silberweissen Barte ein winzig Bergmännchen, ein Stück vom Käslein auf der kleinen Schulter, und ein Büschel duftiger Alpenkräuter in der Hand. "Ich weiss," sprach's mit seiner Fistelstimme, "was dir geschehen. Die Hartherzigkeit ist bestraft. Nimm hier Kräuter und Käs, und bring's der Mutter heim. Von erstem mach ihr einen Trank, der macht sie gesund. Und wohl bekomm ihr dann der Käs." Damit war's verschwunden.

Bald war die Mutter heil. Der Käs, als man ihn anschneiden gewollt, hatte sich zu eitel blitzend Gold verwandelt. Da waren beide reich genug. Sie kauften die Bründlenalp, und Magdalena ist Alois' glückliche Frau geworden.

Dem reichen Klaus aber ist's schlimm ergangen. Im Ungewitter desselbigen Tages hatte sich der Fels ob der Kastelenalp gelöst, und in einem Augenblicke dieselbe in eine grause Trümmerwüste durch seinen verheerenden Schuttfall umgewandelt. Dabei hat ein Stein dem fliehenden Klaus beide Beine so zerschmettert, dass sie ihm abgenommen werden mussten. An Krücken ist er lange elend und bettelnd im Lande herumgezogen.

Der alte Landammann Heinrich Immlin von Obwalden erzählte dem Renward Cysat (geb. 1545; gest.1614), wie er einmal am Pilatus den Gemsen nachgegangen und ein Bergmännchen daher gekommen sei, das ihm verboten habe, weiter hinauf zu steigen. Er habe als starker Mann dieser Warnung spotten wollen; da sei aber das Männchen auf ihn losgesprungen und habe ihn mit grosser Gewalt die Felsen hinunter geworfen. Drunten lag er viele Stunden halbtodt, bis ihn die Seinigen fanden, erquickten und heimtrugen.

Auch dem Untervogt von Malters, Hans Bucher, ist es nicht viel besser ergangen; er hat es selbst dem Stadtpfarrer von Luzern im Jahr 1592 auf sein Gewissen als wahr erzählt. Bucher, ein braver und frommer Mann, war ein eifriger Fischer und Jäger, und hatte sich oft geäussert, er möchte doch auch einmal so ein Bergmännchen sehen. Eines Tages nun, als er droben auf dem Pilatus im Rümlig nach schmackhaften Forellen fischte, sprang ihm ein solches rücklings auf den Hals und drücke ihn mit solcher Macht in den Bach nieder, dass er meinte, es sei sein Letztes. "Du bist auch einer von denen," sagte es, "die mir meine Thierlein schon viel geplagt und zerstreut haben!" Dann verschwand es und liess ihn liegen. Der Untervogt kam schwach und elend heim, und fühlte sich auf einer Seite lahm: "also dass er fürder der Wildi (des Waidwerks) sich enthalten, und nun das Haus vergaumen (hüten) müssen."

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch