Mutabor Märchenstiftung

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Die Schrattenjungfrau

Land: Schweiz
Kanton: Luzern
Kategorie: Sage

Südwestlich vom Dorfe Flühli zieht sich der Schrattenberg, eine Fortsetzung des Pilatus, von Osten nach Westen hin. Gegen Norden zeigt der Berg eine hohe Felsenwand, die gegen Westen immer höher ansteigt und mit einem hoch über den ganzen Berg emporragenden Felsenkopf, Scheibengütsch genannt, endet. Etwas tiefer zeigt sich eine weit in den Felsen hineingehende Höhle. Der Berg hat südlich fast seiner ganzen Länge nach eine sanfte Abdachung, auf welcher eine Fläche von etwa einer Stunde Länge und einer halben Stunde Breite ganz kahler Felsen ist, von aller Erde entblösst, ohne Pflanzen oder Gesträuche. Dieser weisse Kalkfelsen ist von Sörenberg aus, wie ein Schneefeld anzusehen, das bis zum Bergkamm emporreicht und von drei Seiten mit grünen Weiden umkränzt ist. Die Felsenfläche ist zerklüftet; wo das weniger harte Gestein sich auflöst, sind tiefe Rinnen und Löcher; ein sehr tiefes Loch ist am westlichen Ende, in der Nähe des Scheibengütsches. Von dieser wirklich merkwürdigen kahlen Felsenabdachung und dem nahen Scheibengütsch erzählt nun die Sage:

Die jetzt kahle Schratten war ehemals die schönste Alp im Lande. Der ganze Berg gehörte zwei Brüdern, die ihn gemeinsam benutzten. Der Eine wurde blind; sie einigten sich, ihre Güter zu theilen, und der Blinde überliess dem Andern das Theilungsgeschäft voll Vertrauen. Aber der Letztere übervortheilte seinen blinden Bruder auf die ungerechteste Weise, indem er seine Marchen zuweit hinausrückte und so jene prächtige Alp sich aneignete. Dieser Ungerechte hatte eine einzige Tochter, um die wegen ihres Reichthums und ihrer Schönheit die vornehmsten Söhne des Landes warben. Sie bot demjenigen ihre Hand, der die steile Felswand hinauf den Scheibengütsch ersteigen würde. So mancher dieses wagte, fand seinen Tod. Allgemeiner Unwille erhob sich gegen die stolze Tochter und ihren ungerechten Vater. Es wurde dem Blinden hinterbracht, dass er von seinem Bruder betrogen worden, und dieser, zur Rede gestellt, that den Schwur, seine ganze Weide soll der Teufel zerreissen, und ihn und sein Kind des Weitern strafen nach Verdienen, wenn er übervortheilt habe. Da erbebte der ganze Berg; der Böse erschien und kratzte im Nu von der Weide des Betrügers alle Erde weg, so dass man überall im nackten, zerrissenen Felsen die Spuren seiner Krallen sieht. Die Weide des Blinden blieb unversehrt. Der falsche Schwörer liegt vom Teufel hingeschleudert, in dem tiefen Loche, in der Nähe des Scheibengütsches, und wird von den Vorübergehenden mit Steinen beworfen. Die Tochter ist in die Höhle unter dem Scheibengütsch gebannt, wo sie ihren Geldschatz bewacht, welchen der Teufel ihr mitgab. Der ewige Jude Ahasverus ist schon dreimal hier vorbei gewandelt. Das erste Mal war der Schratten ein Weinberg, hernach eine Alp und zuletzt theilweise nur noch ein kahler Felsen.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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