Der Schwesternborn
Unweit dem Kurhause Kaltbad, auf der südlichen Abdachung des lieblichen Rigi, sprudelt aus zerklüftetem Nagelfluhgestein laut murmelnd ein kalter Quell hervor, der Schwesterborn genannt. Von ihm lebt im Munde des Volkes folgende Sage:
Zur Zeit der drei Tellen im Rütli, als Oesterreichs Vögte mit Uebermuth und frecher Willkür regierten im einst freien Lande, waren drei ebenso wunderliebliche als fromme Schwestern unten im Thale von Arth den Verfolgungen des Burgherrn von Schwanau gar arg ausgesetzt. Denselben zu entgehen, flohen die Schwestern in einer Nacht hinauf in die damals noch unwegsame Wildnis des Rigiberges, und kamen bis dahin, wo auf der Sonnenseite desselben ein Born dem Felsen entquillt. Daselbst bauten sie sich eine ärmliche Baumrindenhütte. Wie viele Jahre sie da, von aller Welt abgeschieden, von Beeren und Wurzeln und dem frischen Quell im frommen eifrigen Gebet gelebt, wusste niemand. Drunten im Thale waren sie längst verschollen. Selbst die Sennen auf dem Berge wussten nichts von ihrem Aufenthalte, bis nach ihrem Absterben. Da aber sahen sie nachts immer drei helle Lichtlein über dem Wald und den Felsen schweben. Zur Stelle gekommen, fanden sie die vermodernden Körper der drei Schwestern. Wo die Hirten selbe gefunden, steht malerisch zwischen gewaltigen Felsentrümmern die schmucke Kapelle "Maria zum kalten Bade".
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch