Der Jäger auf dem Chasseral
Ein Jäger, bei welchem die Jagd zu grenzenloser Leidenschaft geworden, stieg an einem Sonntage früh den Chasseral herunter. Er hatte schon manch gutes Wild erjagt, und pfiff munter ein Lied. Da kam ein greiser Eremit am Stabe dahergewankt, dem der Jäger den üblichen Gruss anbot. Der Mönch dankte gar ernst, und sprach dann zu ihm: "Hörst du im Dorfe drunten nicht die Morgenglocke schallen, welche die Leute zum Besuche des Gottesdienstes einladet? Fürwahr, mein Sohn, dir ziemt es heute schlecht, da droben frei zu birschen; denn am Sonntage soll der gute Christ den Herrn im Himmel loben." Darauf erwiderte ihm der Jäger: "Mein guter Mann, ei, das ist nicht vonnöthen; ich lasse meine Mutter für mich beten. Durch Wald und Flur zu schweifen, das flüchtige Wild keck zu jagen, und frisch ein Lied zu pfeifen, ist meine Freude und Lust. Viel lieber möchte ich in Ewigkeit der edlen Jagd obliegen, als in der Kirche ein einzig Mal auf hartem Steine knieen." Darnach setzte der Jäger seine Jagd weiter fort; der Mönch aber ging schweren Herzens langsam seinen Weg. An der Stelle des alten Kirchleins im Thale ragt nunmehr ein neues Bethaus empor; längst ist der Eremit gestorben; der wilde Jäger aber muss im Bergwalde noch immer umherschweifen, und dabei, wie er's wünschte, sein Lied pfeifen.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch