Mutabor Märchenstiftung

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Der Kirchenbau

Land: Schweiz
Kanton: Neuenburg
Kategorie: Sage

Nachdem Ulrich, Graf zu Neuenburg, die dasigen Prämonfratenser aufgehoben hatte, kamen einige Jahre später andere Mönche des gleichen Ordens in's Land, um sich daselbst anzusiedeln, und zwar in den schwarzen Bergen, wie man damals den Jura nannte. Sie wählten eine Anhöhe in einer Fläche, nicht fern von der Stadt, woselbst man eine schöne Aussicht hat, die noch jetzt Fontaine-André heisst. Damals war aber das Land noch nicht so vortrefflich angebaut wie jetzt und wenig bevölkert, so dass ihnen die Bauern und Hörigen des Grafen und seiner Dienstmannen wenig helfen konnten; das thaten aber die Gnomen.

Eines Abends sass ein Mönch im Schatten der halb beendigten Pfeiler in der Kirche. Der Himmel war dunkel, der Mond spielte mit feinen blassen Strahlen durch die Mauerwände, die nicht vollständig aufgeführt waren, durch die angefangenen Bogen, durch die Fenster ohne Gläser und formte daraus einen Reigen, den weisse phantastische Geister vor den Augen des halbwachenden Klostermannes tanzten, der sich in eine andere Welt versetzt glaubte. Auf einmal erhellte ein glänzendes Licht das Innere der unvollendeten Kirche. Zahlreiche Berggeister, gross und klein, waren allenthalben beschäftigt, Steine zu zerspalten und zu behauen, Bretter und Latten zierlich zu schnitzeln; aber man hörte nicht das geringste Geräusch, weder das Klopfen des Hammers noch das Zischen des Meissels oder des Stechbeitels. Die eichenen Bretter wurden rund oder geglättet, aber die bewegte Säge frass das Holz, ohne zu schreien oder zu kreischen, und das Beil hieb stumm und lautlos. Die stille Arbeit rückte mit erstaunenswürdiger Geschwindigkeit vorwärts. Es war herrlich anzusehen, wie unter den duftenden Händen der Bergmännchen und unter dem Sammet ihrer bunten und flatternden Fittige die Steine sich spitzten, abrundeten und kanteten, wie wenn des Abends der Wind am Himmel die Wolken in dünne, lange Streifen absondert, welche die letzten Strahlen der Sonne mit Gold und Purpur färbt.

Während mehrerer Nächte arbeiteten die Berggeister mit der grössten Emsigkeit, und wenn am Morgen die Glocke die Mönche zur Mette und die Meister und Gesellen zur Arbeit rief, so fielen diese auf die Kniee und dankten den dienstbaren Helfern, indes die Prämonfratenser Lobpsalmen sangen.

Am Maria-Himmelfahrtsfeste im August war der ganze Bau vollendet, mit den langen Gängen, Sälen und Zellen des Klosters, mit der prächtigen Kirche, ihren kühnen Unterbalken, ihren römischen Pfeilern, die den Füssen des Elephanten gleichen, ihrem Thurm, auf dem ein goldner Hahn wacht, ihren grossen Glocken, ihrer zierlichen Rose, die einem glänzenden Sterne gleicht, ihren Bildern aller Art und Gattung, welche kränzend um die Säulchen laufen, in welchen Vögel nisten und hausen. Die Kirche wurde der heiligen Jungfrau geweiht, und auf dem reichlich vergoldeten Hauptaltare das erste Hochamt zu Ehren Gottes und seiner glorreichen Mutter gesungen.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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