Der Venediger in der Wildenburg
Auf einem Felsen hinterhalb der höchst gelegenen obertoggenburgischen Ortschaft Wildhaus befinden sich die Ruinen der alten Wildenburg. In derselben liegt ein ungeheurer Schatz begraben, den aber die Geister der alten Burgherren hüten, die in allerlei Gestalten unter Heulen und Toben nachts die Gegend durchstreifen, und in ewigem Hader mit einander leben. Ein herumfahrender Venediger hatte es nach langem Grübeln herausgebracht, dass man mit der weissen Ziegerkrautblume, die nur selten auf den höchsten Alpen wächst, die Geister bannen könne. Nachdem er lange umsonst die Blume gesucht hatte, hat er endlich eine gefunden, und war damit in den unterirdischen Gang hinabgestiegen, der vor Zeiten zur Burg hinüberführte. Nach wenig Minuten war er an eine grosse, eiserne Thüre gekommen, die mit kreuzweis über einander gelegten Barren geschlossen war. Auf eine Berührung mit der Zauberblume öffnete sich die Thüre krachend von selbst, und er trat in eine finstere Felsenkammer, durch welche nur von Zeit zu Zeit das funkelnde Gold wie Wetterleuchten freudig blitzte. Handlich griff der Venediger zu, und raffte von den Goldklumpen, die an den Wänden herumlagen, zusammen, was er nur zu tragen vermochte, indem er sich vornahm, recht bald wieder zu kommen. Da hörte er ein leises Wimmern von einem unsichtbaren Wesen, welches ihm gar jämmerlich zurief: "Lass 's Best' nicht liegen! Lass 's Best' nicht liegen!" Darob erschrak der geldgierige Mann und eilte, so rasch er vermochte, mit seiner schweren Last von dannen. Hinter ihm fiel die schwere Thüre wieder klirrend in's Schloss. Da fuhr's ihm plötzlich wie ein Blitz durch den Kopf, dass er das Beste drinnen vergessen habe, nämlich die weisse Ziegerkrautblume.
Seither hat es niemand mehr gewagt, in die unterirdische Schatzkammer zu dringen. In den Bergen um die Wildenburg herum haben die Venediger viel nach Gold gesucht, von dem die Adern desselben grosse Mengen bergen sollen. Als daher ein Venediger vom toggenburgischen Landrathe wegen Zauberei zum Tode verurtheilt worden war, hatte er versprochen, eine goldene Kette um das Städtchen Lichtensteig zu schmieden, wenn man ihn begnadige, was aber nicht geschehen ist.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch