Die Herrschaft der Menschen über die Thiere
Die Zelle, aus welcher das Kloster St. Gallen hervorgegangen, gründete Gallus um das Jahr 614 in einer wüsten Gegend an der Steinach, wo Bären und Heerden von Wölfen und Schweinen hausten. Vor diesen gewarnt durch seinen einheimischen Gefährten, den Diakonus Hiltibodus, sprach er: "Wenn Gott für uns, wer ist wider uns? Der den Daniel aus der Löwengrube befreit hat, ist auch mächtig, aus der Hand der wilden Thiere mich zu befreien." Auch soll es wunderbar sich begeben haben, dass die Schlangen, von denen der Ort wimmelte, seit dem Tage, dass er für die Zelle ausersehen war, sich nicht mehr sehen liessen. Eines Abends, nachdem sie ihr Mahl gehalten, betete Gallus vor dem aufgerichteten Kreuz, während sein Gefährte sich verborgen hielt. Inzwischen kam ein Bär von dem Berge herab und nahm von den Ueberbleibseln. Auf das Gebot des Gallus, Holz zu holen und in's Feuer zu werfen, that er sofort wie ihm geheissen, worauf der Mann Gottes zum Lohn seiner Arbeit ihm Brot gab, doch mit der Weisung im Namen Christi, aus diesem Thal zu weichen; Berge und Höhen möchten ihm gehören, hier aber solle er weder Thier noch Menschen etwas zu Leide thun. Als der Gefährte des Gallus das gesehen, stand er auf, warf sich auf die Kniee und sprach: „Jetzt weiss ich, dass der Herr mit dir ist, weil auch die Thiere der Wüste dir gehorchen."
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch