Der blutende Knochen
Der Bildstock nahe bei einem grossen "Geissbergerstein" oder sogenannten Gotthardgranitfündlinge im Morschacher Wald ob Ingenbohl ist zur Erinnerung an den Mord hingestellt, welchen der "Chnoche-Dönel" unter'm Brändli an einem armen Hausierer, dem "Wäggiser- Brosi" aus schnöder Geldgier verübt hat. Am Orte des Verbrechens vergrub er die Leiche und floh dann, vom Gewissen gepeinigt, in ausländischen Sold. Einmal bemerkte ein Geissbube, wie seiner Ziegen eine, die bei jenem Geissbergerstein graste, aus dem Gestrüpp einige Knochen hervorscharrte. Beim genauern Nachsehen fand der Knabe mehrere und machte davon dem Pfarrer Anzeige. Man muthmasste wohl aus verschiedenen Umständen, wer hier umgekommen sei, aber den Mörder errieth niemand.
Die Gebeine wurden dann in die geweihte Erde des Friedhofs begraben. Nach sieben Jahren kam der Chnoche-Dönel heim aus dem Kriege und vernahm, dass seine Holde gestorben sei und heut beerdigt werde. Der Schmerz trieb ihn auf den Gottesacker, wo der Todtengräber eben die Ruhestätte bereitete. Gerade jetzt hob er ein blendend weisses Beinchen aus dem Grab, wo die irdischen Reste des Armen Brosi hingelegt worden waren, heraus und voll Verwunderung zeigte er's den Umstehenden. Einer nahm's in die Hand, beschaute es und gab's dann dem Andern und so kam es zum Dönel, der dabei nichts von seinem Herzklopfen merken liess, und das Beinchen kühn in die Hand nahm, um plötzlich vor Schrecken starr und todtenblass zu werden, denn der Knochen blutete bei ihm. Man wusste gleich, was das zu bedeuten habe, der Dönel wurde als Mörder abgefasst, und zur Strafe für seine blutige That hingerichtet. Da, wo der Todschlag geschehen ist, sah man vormals bisweilen ein Lichtlein hin und her schweben. Das ist nun aber lange Zeit nicht mehr geschehen.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch