Die Schatzthüren im Born
Vor vielen Jahren wohnte am Bornberg ein Armer in einer kleinen Hütte. Da kam des Nachts ein Mann zu ihm und bat um Herberge. Obschon die Wohnung zu enge für zwei war, und der Arme heute selbst nichts zu kochen hatte, wurde der Gast doch eingelassen, und bekam auch seinen Bissen Brot.
In tiefer Nacht verlangte der Fremde einen Sack und eine Laterne, bat den Armen, ihm zu folgen, und führte ihn vom Hause bergaufwärts an einen wohlbekannten Rain. Hier schärfte er ihm ein, kein weiteres Wort mehr zu reden und nur zu thun, was er ihn selber machen sehe. Er murmelte einige Sprüche, und es zeigte sich im Raine eine Thüre, die er mit einem bereit gehaltenen Schlüssel aufschloss. Sie gingen nun zusammen durch einen finstern Gang weit in den Berg hinein. Aus einer Felsenspalte nahm sodann der Fremde einen zweiten Schlüssel und öffnete damit eine Kiste, die hier im Finstern stand. Daraus zog er einen ganzen Schlüsselbund hervor; dieser diente zu den künstlichen und alterthümlichen Markschlössern, die an den gewaltigen Vorlegbalken der letzten Thüre hingen, zu der sie jetzt gelangten. Nun ging's eine steile hölzerne Treppe hinunter, deren Balken unter jedem Tritte ächzten und knarrten. Am Ende war das Gewölbe vor ihnen offen. Zwei grosse Kisten standen da, ein ebenso grosser Hund lag auf jeder. Der Fremde ergriff den einen, warf ihn von der Kiste herunter, und schloss dieselbe auf; sie war ganz mit Goldstücken angefüllt; er bedeutete seinem Begleiter, so viel als möglich von seinem Schatze zu nehmen. Aber statt jetzt auf die Mahnungen des Fremden zu achten, schaute der Mann immer nur die lauernden Hunde an. Nach langem Zuwarten verschloss jener die Goldkiste wieder und legte den Hund wieder darauf. Er begab sich nun zu der andern Kiste, warf auch hier das darüber liegende Thier hinunter und öffnete; da schimmerte es von lauter Silberstücken. Wiederum deutete der Führer dem armen Manne, davon zu nehmen, aber dieser konnte auch diesmal nicht fertig werden, die zwei wilden Hunde angstvoll zu messen, und so schloss der Andere auch diese Kiste wieder zu und begab sich auf den Rückweg. Als sie wieder in's Freie heraus traten, that sich hinter ihnen der Rain sogleich zu. Unter Vorwürfen führte der Fremde den armen Mann bis in die Nähe des Häuschens zurück, und nahm hier von ihm Abschied.
Man glaubt, der Eingang zu diesen Schätzen sei in jener bekannten, auf der Spitze des Bornberges gelegenen Höhle, welche vom Landvolk das Heidenloch genannt wird.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch