Der Schatzhüter auf dem Bettlachberg
Viggeli (Viktor) in Selzach, ein armes aber ehrliches Taunerlein, stieg in der Charwoche den Bettlachberg hinauf, um im Auftrage seine Vetters Jörg nach Wunn und Weid zu sehen. Er fand alles in gutem Zustande und die Natur an der warmen Frühlingssonne in voller Auferstehung begriffen, so dass seine Augen sich nicht satt sehen konnten. Wie er dann nach langem Schauen den Bergweg wieder vergnügt hinabschritt, und dem Fusse des Berges sich näherte, hörte er plötzlich ein wunderbares Geräusch. Wie er hinschaute, erblickte er oben auf dem Felsen auf freiem Rasenplatz ein kleines, schwarz gekleidetes Männchen, das in einer weiten Wanne erstaunlich viel glänzendes Gold sonnte. Das Männchen hatte einen grossen breitkrämpigen Spitzhut auf dem Kopfe und Schnallen an den Schuhen, und deutete mit der rechten Hand mit kummervoller Miene auf seine reichen Schätze. Viggeli hätte freilich das viele Geld gerne gehabt, aber ihm graute vor dem kleinen Männchen. Und die Furcht bekam die Oberhand. Eiligst sprang Viggeli den Berg hinunter, konnte sich aber doch nicht überwinden, nach dem Schatze und seinem Hüter zurückzublicken. Da sah er, wie das Männchen mit zorniger Geberde seine Faust gegen den Flüchtling ballte, der nicht den Muth gehabt, ihn von den Schätzen zu erlösen. Daheim angekommen, schämte er sich freilich seiner Feigheit und nahm sich ernstlich vor, ein andermal muthiger zu sein. In mancher Charwoche nachher ist er wieder hinaufgegangen auf das gleiche Plätzchen, um sein Glück bester zu versuchen; aber das Männchen mit seinem Schatze ist ihm niemals mehr erschienen. Viggeli ist vor mehr als siebzig Jahren arm aber ehrlich gestorben und auf dem Kirchhofe zu Selzach begraben worden.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch