Der Richter von Bellenz
In Bellenz war vor Zeiten ein Mitglied des Landgerichts, bekannt und von vielen gehasst wegen seiner Geradheit und Unbestechlichkeit. Oft traf es ihn nach Magadino zu gehen, dem Gerichte beizuwohnen, von wo er dann gewöhnlich um Mitternacht wieder in Bellenz anlangte.
Drei Burschen verschworen sich zu seinem Tod und passten ihm auf zwischen Giubiasco und Cadenazzo. Doch wagten sie nicht ihn anzugreifen, denn vor ihm und hinter ihm sahen sie drei gewappnete Reiter, und alles flog vorbei in sausendem Galopp.
"Den Sechsen wollen wir Meister werden," sprachen sie, und kamen das nächste Mal ihrer Sechse, an der einsamen Heerstrasse aufzulauern. Die Glocke schlug eilf. Da rannte der Richter herbei, und vor ihm und hinter ihm sechs gewappnete Reiter. Der Anfall unterblieb, und als zum dritten Mal die Meuchler sich zwölf an der Zahl zusammenrotteten, erdröhnte die Strasse unter den Hufschlägen von fünfundzwanzig Rossen; denn vor und hinter dem Richter sprengten in geschlossener Reihe zwölf Reiter einher.
Die Meuchler entsetzten sich und rannten dem nächtlichen Heer nach bis vor das Lauiserthor in Bellenz, wo der Richter wohnte, und als der abgestiegen war, verschwanden die vierundzwanzig Reiter. Hierauf begaben sich der Meuchler einige zum Richter hinauf, bekannten ihre Schuld, und forschten, wer sie möchte verrathen haben. Der Richter, der nichts von allem gesehen, verzieh ihnen und überwies sie der Gnade dessen, der sie von dem bösen Vorhaben abgehalten hatte.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch