Der Wald der Witwe
Im Thurgau, dicht an der zürcherischen Grenze, liegt der Bichelsee beim Dorfe gleichen Namens. Hier stand früher eine Burg. Ueber den See soll einst eine Kette bis zur Burg Haselberg gezogen gewesen sein, welche einem Eichhörnchen als Brücke diente, um in gefahrvollen Zeiten Briefe von einem Burgherrn zum andern zu tragen.
An der Stelle des Bichelsees, in dessen dunkelgrüner Fluth sich die nahen, waldigen Hügel spiegeln, war einst ein Eichwald, der einer frommen Witwe gehörte. Aber derselbe wurde ihr von einem Nachbar entrissen, und ihre Kage fand kein Gehör. Da verwünschte sie den ihr freventlich geraubten Wald. Die Erde erbebte, ein Sturm brach los, feurige Zeichen drohten am Himmel, und als der Tag wieder anbrach, breitete sich ein See über den verschwundenen Wald aus. Lange Zeit zerrissen die Fischernetze an den Eichen, die aus der Tiefe hervorragten.
Das Volk glaubt, der See sei unergründlich und stehe durch verborgene Rinnen mit weit entlegenen Gewässern in Verbindung.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch