Die Wasserburg im Bodensee
Die reichen Freiherren von Güttingen besassen drei Burgen, die in der Nähe des gleichnamigen Dorfes lagen. Eine derselben befand sich wahrscheinlich bei dem jetzigen Hofe Oberburg; von der andern, der Moosburg, die mit doppeltem Graben umgeben, ist das Hauptgemäuer noch übrig und überbaut; die eigentliche Burg Güttingen lag am See und war theilweise vom Wasser umflossen.
Einst war eine grosse Theurung im Lande. Da sorgten die Herren ringsum für ihre Leute, gaben ihnen Korn und schafften selbst aus der Ferne Lebensmittel herbei. Die Freiherren von Güttingen aber, deren Speicher reichlich mit Getreide gefüllt waren, erbarmten sich ihrer Angehörigen nicht; selbst aber lebten sie in Saus und Braus. Als nun die Noth immer grösser wurde und nicht mehr zu ertragen war, lief das Volk in Schaaren zusammen, und flehte die Herren von Güttingen um Brot, das elende Leben zu fristen. Da lockten die Freiherren ihre bettelnden Angehörigen in eine alte Scheune, liessen diese dann durch ihre Knechte verschliessen, und in Brand stecken. Als die Unglücklichen, bevor sie von den Flammen ergriffen wurden, laut wehklagten und um Erbarmen flehten, rief einer der Herren von Güttingen, mit grässlichem Hohne: "Hört, wie die Mäuse pfeifen!" Alsbald belästigten zahllose Mäuse die Burgen der Herren von Güttingen. Da flüchteten sich diese nach ihrer Wasserburg; allein auch dahin verfolgten sie die Mäuse, und von dem schrecklichen Schicksale, bei lebendigem Leibe aufgefressen zu werden, konnte sie nichts erretten. Bald nach dem Tode der Güttinger versank die Burg in den See, und noch vor etwa fünfzig Jahren vermochte man bei niedrigem Wasserstande deren Trümmer im Grunde des See's zu erkennen.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch