Die Alpschlacht
Die Obwaldner und Entlebucher Hirten stritten sich um einige Weiden, aber die Obwaldner waren im Besitze und trieben ihr Vieh darauf. Weil sie etwa von ihren muthigen Gegnern einen Ueberfall besorgten, stellten sie Wächter zu ihrer Herde. Die geschwinden und feinen Entlebucher dachten auf einen Streich; nachdem sie sich eine Zeitlang still und ruhig verhalten hatten und die treuherzigen Obwaldner wenig Böses ahneten, sondern statt Wache zu haben, sich die Langeweile mit Spielen verkürzten, schlichen kühne Entlebucher Hirten auf die schlecht bewahrte Trist, banden dem Vieh ganz leise die klingenden Schellen ab und führten den Raub eilig zur Seite. Einer aus ihnen musste zurückbleiben und so lange mit den Kuhglocken läuten, bis die Räuber vor aller Gefahr sicher wären. Er that's, warf dann all' den Klumpen von Schellen auf den Boden und sprang unter lautem Hohngelächter mit überflügelnden Schritten fort. Die Obwaldner horchten auf und sahen das Unglück. Sie wollten sich rächen, sammelten bald einen Haufen Volks und überfielen jählings die Entlebucher, welche sich aber darauf vorbereitet hatten. Die Obwaldner wetzten ihren Schimpf nicht aus, sondern wurden noch dazu geschlagen; das ihnen damals abgenommene Fähnlein bewahren die Entlebucher noch heutiges Tages in ihrer Heimlichkeit (einem alten Thurme im Dorfe Schüpfen) und der Ort, wo das kleine Gefecht sich ereignete, wird auch diesen Augenblick noch immer die Alpschlacht genannt.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch