Der Elbst
In der Tiefe des Seelisberger Sees haust ein Ungeheuer, den Bewohnern jener Gegend unter dem Namen der Elbst bekannt.
Es hat die Gestalt einer Schlange, einen schuppenbepanzerten Leib, Füsse mit Krallen gleich den Drachen; aber nur selten zeigt es sich in dieser seiner wahren Gestalt. Bald schwimmt es als moosbewachsener Stamm, bald als schmaler grünender Inselfleck, von den Ufern losgerissen, bald auch als blüthenvoller Zweig auf der Oberfläche des Sees. Wehe dem, der sich diesen trügerischen Lockbildern zu nähern wagt. Hinab ziehen den Getäuschten unrettbar die Krallen des Ungethüms. Aber auch das Eigenthum der Sennen ist vor ihm gefährdet, denn oftmals des Nachts wälzt es sich empor an das Ufer des Sees und zieht in scheusslicher Gestalt über die Weideplätze der Alpen hin. Am andern Morgen dann ist Vieh, das erwürgt, Spuren von scharfen Krallen tragend, zerstreut auf ihnen herumliegt, den Sennen Zeugnis seines schauerlichen Besuches.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch