Die alte Teufelsbrücke
Schon im grauen Alterthum gab es in Uri kluge Leute und solche, die auch arbeitsam waren und den Verkehr förderten. Sie hatten viel gehört vom schönen Italien, wie dort auf reichen Feldern ein feuriger Wein gedeihe, auch nährende Polenta (Mais) und kräftige Kastanien in braunen Hülsen, und wie selbst goldgelbe Pomeranzen und Citronen dort leckre Mäuler laben. Sie in ihren Thälern mussten bei einfacher Hirtenkost sich gedulden. Wohl waren sie zufrieden, doch wenn's so leicht sich machte, gar gern wären sie mit Italiens Bewohnern in regen Verkehr getreten. Wie viel beut Tausch und Handel an Nutzen und Gewinn! Doch in des Reussthals Schluchten, dort wo die Schöllenen von schroffen Felsen starrt und in der Tiefe die Reuss mit wildem Tosen mühsam die Bahn durchbricht, wer baut da Weg und Steg? So sannen die Bewohner, als sie die Gotthardsstrasse zu bauen unternommen. Manch mühvoll schwerer Tag, manch langer Monat und selbst der Jahre viele verflossen, bis sich der lange Weg in Zickzack auf und nieder vom tiefen Seeufer bis nach dem Fuss des "Bristen," von da dem "Ried" entlang, durch manche schlimme Stelle und erst im dichten "Wasener Walde" den "Pfaffensprung" vorüber dehnte. Es gab der Sorgen viel, doch es gelang und schon schlängelte der Pfad von Wasen über die "Schönt" in das alte Göschenen, und von da die "Schöllenen" hinauf bis hin, wo sich mit Schäumen die jugendliche Reuss in schnellem Fall zur jähen Tiefe stürzt. Hier stockte der Verkehr, auf beiden Seiten stand der kahle Fels, wer überbrückt den Strom? Viel Rathens gab es und viel Sorgen, doch keine Meinung wollte Beifall finden und keines Menschen Witz den Uebergang ergründen. Das ist doch schade um die Mühe und um so viel Schweiss und Geld, wenn nun das Werk nicht weiter fortgeführt, fast in sein Nichts zerfällt. Man hielt die Landleute nun zusammen und berieth des Landes Noth, doch selbst die Herren Obern, sie blieben rathlos und verblüfft, bis endlich ein Landmann sich erhob und sagte: "Zwar ist es gefährlich mit dem "Bösen" sich einzulassen, allein Noth bricht Eisen und kommt Zeit, kommt Rath; meine Meinung ist, man mache mit dem Teufel einen Vertrag, dass er uns die Brücke erstelle." Die Menge stutzte, doch das schöne Welschland mit seinen süssen Weinen und erst des kühnen Mannes dreistes Anerbieten, mit dem Teufel über die Bezahlung schon fertig zu werden, bewog die zögernden Männer, und durch das Mehr ward der Vorschlag angenommen. Wie nun der schlaue Rathgeber es angefangen, um mit Junker Satanas die Unterhandlung anzuknüpfen, darüber weiss die Sage keinen nähern Bericht, so was geht geheim. Item, der Teufel stellt sich ein, und bald ist der Handel geschlossen: die Brücke muss über Nacht erstellt und wohl befestigt sein, dagegen ist der Erste, der sie überschreitet, des Satanas theurer Lohn.
Bei nächstem Tagesgrauen
ging man dort nachzuschauen,
Und über Stromeswogen
wölbt sich der Brücke Bogen,
Doch an der Brück auch schon
Passt Satan auf den Lohn.
Der Mann, welcher den Vertrag geschlossen, erscheint. "Hast deine Sache brav gemacht," rief er dem Teufel auf dem andern Ufer zu. Und als dieser mit seinem gehörnten Kopf beifällig nickte, liess er einen bereit gehaltenen Ziegenbock los, welcher in jenem einen Nebenbuhler erblickend, gerade über die Brücke aus den dummen Teufel losstürzte und von ihm, weil er sich nun getäuscht sah, im Ingrimm, als dem Ersten, der über die Brücke ging, in Stücke zerrissen wurde. So waren also die Urner klüger, als der Teufel, und deshalb nannte man die Brücke "Teufelsbrücke".
Doch ist die Geschichte noch nicht zu Ende, der Teufel lässt nicht gern mit sich spassen. "Ihr Urner müsst wissen, dass ihr mich zwar überlisten, aber nicht bessern könnet," so dachte der Teufel und wollte die vertragsmässig erstellte und bezahlte Brücke wieder zertrümmern; denn was frägt der Teufel nach Verträgen? Er lief daher spornstreichs abwärts bis unter Göschenen, wo gewaltige Felsblöcke zerstreut umher liegen und wählte sich den grössten davon aus, und trippelte damit wieder vorwärts um mit demselben die Brücke zu zertrümmern. Sein dürrer Rücken krümmte sich unter der wuchtigen Schwere des haushohen Felsblockes; da kam ein altes Mütterchen des Weges daher, als er eben auf einem Rasenplatze ein wenig ausruhte. Mit Grausen gewahrte dasselbe den Bocksfuss und schlug schnell ein Kreuz über sich und gegen den Stein, welcher hierauf wie angewurzelt unbewegbar fest stand, so dass dem geschlagenen Teufel nichts übrig blieb, als beschämt davon zu eilen; denn nun erfuhr er die Macht des Zeichens, welches seine Stärke gerichtet. Man sieht diesen Stein in seiner aufrechten Stellung in einem Gütchen unterhalb Göschenen, und der Volksmund nennt ihn deshalb "Teufelsstein".
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch