Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der Pfaffensprung

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Sage

Von den vielen Brücken, welche das Reussthal hinauf bis nach Ursern die Reuss überspannen, ist die Pfaffensprungbrücke im Wasenerwalde eine der bekanntesten; denn sie wölbt sich hoch über einer schroffen, engen Schlucht, in .deren Tiefe die Reuss schäumend sich vorwärts drängt. Der poetische Volkssinn hat diese Stelle mit folgender Sage belebt, woher nun der Name Pfaffensprung.

Abend war's, vom Kirchthurm in Wasen tönte freundlich der Avegruss ins stille Thal. Ein älterer, aber noch kräftiger Priester wandelte, sein Brevier betend, von einem Krankenbesuche den stillen Pfad, da stürzt in eilender Hast ein blühendes Mädchen des Weges daher und ruft ihm zu: "Rettet mich, edler Mann, mein Verfolger naht auf schnellem Pferde und eher stürze ich mich in die Schlucht, als dass ich Tugend und Ehre preisgebe dem Entführer!" Erschreckt blickt der Priester das flehende Mädchen an, denn vor ihnen steht die Felsenschlucht und noch führte keine Brücke darüber hin, indessen, ermahnt er die Zitternde zum Gottvertrauen. Aber nicht war es gestattet, lange sich zu besinnen, schon hört man die Hufschläge des daher stürmenden Verfolgers. "Mit Gott will ich es wagen," spricht der Priester, und die Verfolgte erfassend, springt er in kühnem Satze hin an das andere Ufer. Im gleichen Augenblicke trifft der Verfolger ein und zornentbrannt schlägt er dem Pferde die Sporen, in die Weichen, um es zum schnellen Sprunge anzutreiben; allein das Pferd bäumt sich rückwärts und stürzt auf den fluchenden Reiter; das Mädchen ist gerettet. Dankend will es dem Priester zu Füssen fallen, doch freundlich wehrt dieser ihr ab und spricht: "Nicht mir, o Tochter, gib die Ehre, Gott hat dich gerettet! Bleib der Tugend treu, so wird Schande nie dich treffen, wohl aber ewiger Lohn dereinst dein Antheil sein." Und er brachte sie in das nächste Dorf, wo sie Schutz fand.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch