Der Stier von Uri
Vor alten Zeiten lebte auf der Surenenalp ein Schafhirt, Urs im Riet. Der hatte von einem Welschen ein absonderlich schönes silberweisses Schaf erhandelt, das er gar sehr liebte. Als dasselbe ein prächtiges silberweisses Lamm geworfen, und dann verendete, taufte der ruchlose Senn das Junge nach christlichem Gebrauche mit Weihwasser. Zur Strafe für diesen Frevel wurde er mit samt seiner Hütte verschüttet, das Lamm aber in ein Ungeheuer verwandelt, welches das Vieh in den Surenenalpen tödtete und die Sennen und Wandersleute verfolgte, so dass der Bergpass über die Surenen verödete.
Da verkaufte das Gotteshaus Engelberg die zur Wildnis gewordenen Alpen um ein Spottgeld an das Land Uri. Umsonst suchten sodann die Urner durch geistliche Gewalt das Greiss zu bannen, wie das Volk das Ungeheuer nannte. Endlich wusste ein vorbeireisender Schüler Rath, nachdem die Herren von Uri ihm seinen Becher siebenmal mit welschem Wein und seinen Geldbeutel mit Kronen gefüllt.
Sie sollten ein silberweisses Stierenkalb, das noch nichts anderes als reine Milch getrunken, neun Jahre lang forttränken, und zwar das erste Jahr mit der Milch von einer Kuh, das zweite Jahr von zweien und so fort bis auf neun. Dann sollten sie den Stier durch eine reine Jungfrau auf die Alp führen lassen, wo das Greiss spuke; er werde dasselbe besiegen, und ihnen werde geholfen werden.
Der Rath wurde getreulich befolgt. Als der Stier sechs Jahre alt geworden, wurde er auf die Alp Waldnach, in die Nähe der verrufenen Surenenalp gebracht, und dort drei weitere Jahre fortgetränkt. Der Stall, in welchem das geschehen, hiess darum der Stierengaden, und stund noch zu Anfang des letzten Jahrhunderts. Nachdem die neun Jahre um gewesen, unterzog sich eine Jungfrau aus Attinghausen todesmuthig dem gefahrvollen Unternehmen. An dem Ringe, den man dem silberweissen Stiere durch die Nase gezogen, führte sie, bräutlich geschmückt und schneeweiss gekleidet, das stattliche Thier von der Waldnach auf den verlassenen Pfaden hinüber auf die Surenenalp, wo sie den Blicken der zahlreich herbeigeströmten Volksmenge entschwand.
Bald vernahm diese mit Entsetzen von der Höhe ein grauses Gebrüll und Krachen. Dunkle Wollen hüllten die Sureneneck ein, und helle Blitze zuckten aus denselben. Plötzlich erfolgte ein Donnerschlag, dass die Berge erbebten. Dann zertheilte sich das Gewölk und ruhig und friedlich trat die Sonne wieder aus demselben hervor.
Oben auf dem Kampfplatze lag das Greiss in schwarzem dampfenden Blute zu einem unförmlichen Klumpen zusammengetreten. Doch unten an der kalten Quelle des Aabaches lag auch der weisse Stier ebenfalls todt. Erhitzt vom Kampfe, hatte er das kalte Wasser der Quelle getrunken und war todt hingesunken. Seither wird der Aabach dort oben Stierenbach genannt, und es zeigen die Sennen die Male der Stierenklauen in den Felsen. Die edle Jungfrau blieb spurlos verschwunden, und niemals hat man nachher wieder etwas von ihr erfahren.
Das Volk von Uri aber beschloss an der Landsgemeinde, zum Andenken an die Befreiung von dem Ungeheuer das Haupt des tapfern und streitbaren Stiers auf ewige Zeiten in das Landeswappen aufzunehmen, und so ist der Stier von Uri mit seinem Nasenring in dasselbe hineingekommen.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch