Die Bergleute
Eine Stunde ob Amsteg, wo die Reuss in ein weites Thal eintritt, sieht man zwischen den kleinen Dörfern Intschi und Drachenthal, auf beiden Seiten des Stromes die Bergabhänge ganz mit Schutt von Felsen und Steinen bedeckt, woraus nur einzelne Bäume oder Sträucher kümmerlich hervordringen. Vor kaum hundert Jahren befanden sich an dieser Stelle zwei Goldbergwerke; einige Männer aus der Umgegend hatten sie entdeckt und mit gutem Erfolge bearbeitet. Das viele Gold war aber kein Glück für sie, denn sie fingen ein wüstes Leben an, und was in der Woche gewonnen ward, frass der Sonntag. Einmal thaten sie einen reichen Fund, da gingen sie mitten in der Woche nach Amsteg in's Wirthshaus, machten am hellen Tage Thüren und Läden zu und steckten Kerzen an. "Wir Berglüt," sagten sie, "bruchet unsers Herrgotts Liecht niemme!" Dann assen, tranken und spielten sie Tag und Nacht. Kaum waren sie aber wieder daheim im Bergwerk, so zitterten in derselben Woche plötzlich die Berge, und beide Gruben stürzten über den Gottlosen ein. Keiner von ihnen kam mehr zu Tage, und so brauchten sie freilich unsers Herrgotts Licht nimmermehr. Die Gruben aber liegen seitdem verschüttet, und die Bauern scheuen sich wieder nach Gold zu graben.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch