Mutabor Märchenstiftung

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Plan-Nevé

Land: Schweiz
Kanton: Waadt
Kategorie: Sage

Zwischen dem Grand Moveran und der Tête du grand Jean in östlicher Richtung von Bex liegt der Gletscher des Plan-Nevé, ein gewaltiges Eismeer. Dort war einst eine schöne, an den besten Alpenkräutern reiche Alp, welche zuletzt einem reichen, aber sehr stolzen und rohen Sennen gehörte. Der Mann galt nicht nur als ungemein heftig und aufbrausend, er war auch stets mit seinen Knechten unzufrieden, weil ihm niemand schnell und lange genug arbeiten konnte. Keinem Bedrängten kam er je zu Hilfe, auch wenn er es ohne Mühe und Kosten thun konnte.

Eines Abends brach ein fürchterlicher Sturm los. In Voraussicht des nahenden Ungewitters hatte der Senn schon seine Herde in die Ställe geführt und überblickte eben mit Stolz die grosse Zahl seines schönen Viehes.

Da liess sich vor der Thüre eine Stimme hören, und eine arme, alte Frau bat um Aufnahme für die Nacht. Sturm und Ungewitter seien zu stark, als dass sie, alt und schwach, ihre Wanderung fortsetzen könne, sagte sie, und dazu sei es noch ganz dunkel und der Pfad sehr gefährlich. Aber der Senn wies sie kurz ab; er wollte mit Bettelvolk nichts zu thun haben, erwiderte er der Frau, und blieb unerbittlich bei dieser Antwort, als die Alte ihm mit Thränen zu Füssen fiel und ihn um Mitleiden anflehte. Da erbarmte den Knecht die schlimme Lage der Unglücklichen, und er bat den Meister für sie um Aufnahme; komme sie draussen um, so werde Gott Rechenschaft für die verweigerte Gast- freundschaft fordern. Darüber ergrimmte aber der Senn, und mit Flüchen und Toben stiess er den Knecht hinaus in die dunkle Nacht. "Weil du deinem Herrn widersprochen hast, so diene nun der Alten und theile ihr Loos!" rief er ihm aufschäumend zu.

Zuerst war zwar der brave Knecht sehr erschrocken, bald aber nahm er kurz entschlossen die alte Frau bei der Hand und wanderte mit ihr fort thalwärts nach La Varaz zu, um dort in Hütten ein Asyl zu finden. Aber als sie eine Strecke weit gegangen waren, erhob die Alte plötzlich kräftig ihr Haupt und sprach mit fester Stimme: "Deine Mildherzigkeit hat dich vom Tode errettet; steige schnell hinab zu den nächsten Sennhütten; morgen wirst du nur zu danken haben." In demselben Augenblick sprang sie fort, stieg schnell an den Felsen in die Höhe und verschwand. Bald aber stand sie, von eigenthümlichem Licht umflammt, auf einer hohen Fluh, während eine dichte Wolke den Gipfel des Berges und Plan-Nevé umhüllte. Dort liess sie ihren Mantel im Winde flattern und rief: "Plan-Nevè, Plan-Neve! sei eine wüste Oede und bedecke dich mit unfruchtbarem Eis! Niemals sollen mehr Hirten zu deinen Staffeln kommen, Plan-Nevé! Niemals mehr, Plan-Nevé, eine Herde auf dir zur Weide gehen! Wehe, wehe!" Schauerlich tönte jedes Wort und der Sturm trug den Ruf bis zu den Hütten, wo den Sennen Schauer ergriff und das Vieh angstvoll aufbrüllte. Dann ward es wieder still, die Alte verschwand, und nur der Sturm heulte mächtiger als vorher.

Schnell eilte der Knecht hinab nach La Varaz; die Worte der Alten machten ihm Angst. Er fürchtete für seinen Herrn die Strafe der verweigerten Gastfreundschaft. Bald kam er an. Aber kaum war er unter das Dach der schützenden Sennhütte getreten, als er ein fürchterliches Toben und Donnern hörte; Blitze zuckten, der Sturm brüllte, Lawinen rollten und Bergströme schienen zu brausen! Man hätte fast gemeint, die Welt gehe unter. Als aber am Morgen der Himmel sich aufklärte, die Nebel verschwanden und die Sonne hell und glühend im Osten emporstieg, da war die schöne Alp Plan-Nevé mit Weiden, Hütten und Herden verschwunden: gewaltige Schnee- und Eismassen bedeckten sie und bald bildete sich der ausgedehnte Gletscher, der noch heut unverändert auf ihr ruht.

Man hat behaupten wollen, dass der unbarmherzige Senn keine Ruhe gefunden habe und an gewissen Tagen seine Klagen und Jammerrufe hören lasse. So viel ist nach der Meinung der Bewohner von St. Moriz gewiss, dass Geister auf und in den Eisfeldern von Plan-Nevé wohnen. Oft gerathen diese in Streit oder sie erzürnen sich aus irgendeinem Grunde; dann verursachen sie Stürme und Unwetter oder schwellen den Nant und den Avençon an, dass sie mit wildem Toben in das Thal hinab stürzen und grossen Schaden an Gebäuden und Früchten verursachen.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch