Mutabor Märchenstiftung

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Der See von Bret

Land: Schweiz
Kanton: Waadt
Kategorie: Sage

Nördlich vom Genfer See zwischen den Thälern der Benoge, Broye und Veveyse erhebt sich bis zu einer Höhe von etwa 3000 Fuss der Gebirgszug des Jorat. An seinem Fusse und etwa zwei Stunden östlich von Lausanne liegt im Grunde eines reizenden Thälchens ein keiner, länglicher See, der bei den Einwohnern die Namen Lac de Bret, Brè, Brac, Broz und Brot führt. Seine Länge beträgt 25, die Breite 10 Minuten und seine Tiefe ungefähr 300 Fuss. Er nährt viele und schöne Fische, hat aber merkwürdigerweise keine sichtbaren Zuflüsse, sondern erhält sein Wasser wahrscheinlich durch reichhaltige Quellen in seinem Grunde. Dagegen besitzt er einen Ausfluss, den Forestaybach, welcher unterhalb des Dorfes Rivaz bereits einige Mühlen treibt, später mehrere liebliche Wasserfälle bildet und sich endlich bei Glerolles in den Genfer See ergiesst. Jeden Winter friert dieser See, und wird von den Schlittschuhläufern der benachbarten Städte besucht. Unweit vom See liegen an den Seiten des kleinen Thales einige freundliche Höfe, und am östlichen Rande hat man vor einigen Jahren Trümmer römischer Bauwerke gefunden. Die nächste Umgebung des Sees ist sumpfig, und nur wer entschlossen ist, sein Leben zu wagen, darf es unternehmen, den trügerischen Boden zu betreten, der mit Sumpfpflanzen dicht bedeckt den Nahenden in die schlammige Tiefe versinken lässt.

Vor mehrern hundert Jahren gewährte das Thälchen einen ganz andern Anblick als jetzt. Damals war der See noch gar nicht vorhanden, und auf der Stelle, wo er sich gegenwärtig befindet, lag ein freundliches und blühendes Dorf. Mitten aus schönen und zierlichen Häusern erhob sich der hohe, schlanke Glockenthurm der Kirche, und an denselben lehnte sich ein grösseres Gebäude mit einem herrlichen Garten, das Nonnenkloster. Nie gab es ein glücklicheres Völkchen, als das des Dorfes Bret; das schöne Thal mit seinen Feldern, Wiesen und Wäldern nährte alle Einwohner reichlich und selbst diejenigen, welche als arm galten, litten auch in den schlechtesten Jahren nimmer Noth, weil ihre kleinen Äcker ihnen hinreichendes Korn brachten, und alle übrigen Bedürfnisse im Ueberflusse vorhanden waren. Gerade die glücklichen Zustände des Ortes aber wurden den Einwohnern verderblich; sie ergaben sich den Vergnügungen und der Sinnlichkeit, und die Sittenlosigkeit nahm bei ihnen zuletzt so überhand, dass die Nachbarn sich nach und nach von ihnen scheu zurückzogen und jede engere Verbindung mit ihnen abbrachen. Natürlich steigerte sich dadurch ihr Trotz und sie beschlossen endlich, wie sie sich ausdrückten. Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und keinem Fremden mehr das Uebernachten in ihrem Orte zu gestatten.

Eines Tages im Spätherbst kam ein Wanderer von Norden her nach Bret. Er hatte sich im Gebirge verirrt, stundenlang fruchtlos nach dem rechten Wege gesucht und endlich durch einen glücklichen Zufall den Fusspfad in's Thal gefunden, als es bereits Abend geworden war. Ermüdet und hungernd vermochte er nicht mehr weiter zu gehen, und die Nacht war auch so dunkel, dass er leicht durch einen Fehltritt hätte verunglücken können; er bat daher um Speise und um ein Nachtlager. Aber an allen Häusern wurde er abgewiesen; man theilte ihm das ergangene Verbot mit und erklärte dabei mit harten Worten, dass man nicht gesonnen sei, sich eines Landläufers wegen einer Strafe auszusetzen. Selbst die Nonnen verweigerten ihm ein Obdach im Vorhause. Trostlos musste er weiter wandern. Eben hatte er das ungastliche Dorf verlassen, als er einem Greise begegnete, der ihn fragte, wohin er noch so spät in der Nacht zu gehen gedenke. Als der Fremde erzählt hatte, wie es ihm ergangen, führte ihn der Alte in seine kleine, etwas seitwärts gelegene Hütte, und liess ihm Speise auftragen und ein gutes Nachtlager anweisen. Allerdings haben meine Mitbürger die Aufnahme von Fremden verboten, erklärte der Greis, aber ich muss das Gesetz übertreten, weil es das Leben eines Nebenmenschen gilt, und geduldig will ich die Strafe ertragen, wenn es durchaus sein muss.

Die Strafe aber erfolgte nicht, sie traf vielmehr die harten Einwohner, wie sie einst auch über Sodom und Gomorrha hereingebrochen war.

Als die Bewohner der kleinen Hütte am folgenden Morgen vor die Thür hinaustraten, war das ganze Dorf spurlos verschwunden und an seiner Stelle wogte der blaue See; die Hütte selbst aber stand auf einem sanften Hügel am Ufer. Und von den Ertrunkenen zeigte sich nie eine Spur; auch nicht eine Leiche trieb an's Ufer, um ein Begräbnis in geweihter Erde zu empfangen, und selbst nicht einmal das Walzwerk der Häuser kam auf die Oberfläche.

Man will deshalb auch behaupten, die Einwohner von Bet seien gar nicht umgekommen, sondern zur Strafe ihrer Frevels auf den Grund des Sees verbannt worden, wo sie fern vom Licht der Sonne und vom Grün der Wiesen und Wälder ein elendes Leben führen müssen. Bei hellem Wetter und wenn der See ganz klar und ungetrübt war, sah man auch schon den Kirchthurm auf dem Boden des Sees, und in der Christnacht hört man nicht selten ganz deutlich das Gebet und den Gesang der Nonnen.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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