Der Gemsjäger
Ein junger Hirt in Ormond verliess oft die Herden seines Vaters, um auf den hohen in Nebel gehüllten Felsenklüften auf die Gemsjagd zu gehen. Vergebens hatten seine Eltern es ihm verboten; er gab sich mit Leidenschaft der gefährlichen Lust hin. Eines Abends, als er sich mitten in furchtbaren Felsgründen befand, wurde er von einem heftigen Ungewitter überrascht; der Wind heulte und er wurde von Schnee und Hagel gepeitscht. Da verlor er den Weg und todtmüde, von Kälte und Hunger geplagt, streckte er sich auf einem Felsen hin und glaubte sterben zu müssen. Plötzlich erschien in einem Wirbelwind der Berggeist und rief ihm mit starker drohender Stimme zu: "Tollkühner, wer hat dir erlaubt, Tod zu bringen in die Herden, die mir gehören? Ich jage nicht die Kühe deines Vaters, warum kommst du, meine Gemsen zu jagen? Ich will dir diesmal noch verzeihen, aber es ist das letzte Mal, komm nicht wieder hieher!" Dann liess er den Sturm schweigen und leitete den Jäger zurück auf den Weg zu seiner Hütte, und der junge Mensch blieb fortan bei der Herde seines Vaters.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch