Die Feen in Ormonds
Einst wohnten die Feen auf den schönen Höhen, wo sie ihre Ebenen, Felsen und Höhlen, ihre Quellen und Ruheplätze besassen. Sie verkehrten viel mit den Einwohnern, knüpften mit den jungen Hirten Liebesverhältnisse an und verheiratheten sich auch heimlich mit ihnen, führten sie auch in ihre unterirdischen Wohnungen und lehrten ihnen allerlei Künste. Wer ihnen nahe stand, kannte die wunderbaren Kräfte der Pflanzen und Gesteine, entdeckte und hob verborgene Schätze, wusste die Herde vor Pest und Seuchen zu schirmen, machte sich eisen- und kugelfest und dergleichen mehr. Solche Geheimnisse durften aber niemand mitgetheilt werden, denn wer es that, wurde in der Nacht erwürgt oder in Gletscherspalten und Abgründe gestürzt. Die Feen ähnelten den jungen, schönen Mädchen des Landes, aber ihre Haut war nicht weiss, sondern schwarz, ihre Füsse hatten seltsamerweise keine Fersen, und ihr Haupthaar war so lang und so dicht, dass sie, wenn sie, wie gewöhnlich es fliegen liessen, ihren ganzen Körper darin einhüllen konnten.
Ein junger Hirte ist die Ursache ihrer Entfernung aus dem Ormondsthal. Auch er hatte eine Fee geheirathet, dieselbe war aber wie ihre Schwestern zanksüchtig, launisch und eigensinnig und er gerieth deshalb nicht selten in Wortwechsel mit ihr. Als er aber einmal den mit Stacheln versehenen Stab, mit welchem er die Milch im Käsekessel umrührte, gegen sie erhob, um sie zu schlagen, verliess sie ihn sofort, rief ihre Genossinnen zusammen, und zog mit ihnen in ein fernes, unbekanntes Land.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch