Die Feengrotte
Etwa eine halbe Stunde über dem Dorfe Vallorbe liegt in wilder Gegend die sogenannte Feenhöhle, eine etwa 700 Fuss lange, in mehrere Abtheilungen zerfallende Tropfsteingrotte. Der Zugang zu derselben ist sehr schwierig; ihr Inneres wird wenig besucht und ist deshalb auch nicht recht bekannt. An einer Stelle, zu der eine Art Treppe führt, ist eine hohe Halle, deren spitzbogenartig geformte Decke mehrere hundert Fuss über dem Boden sein soll. Hier und da liegen zerbrochene und zersplitterte Tropfsteinsäulen. An den Wänden wollte man früher seltsame Schriftzeichen bemerkt haben. Die Volkssage behauptet, dass die Höhle einst von Feen bewohnt wurde, welche nicht selten von den Menschen gesehen wurden. War es sehr kalt, so kamen sie wohl des Nachts, wenn die Arbeiter schliefen, zu den Eisenwerken in Vallorbe herab und wärmten sich dort am helllodernden Feuer, bis ein wachsamer Hahn krähte. Dann aber verschwanden sie so schnell, dass man nur selten etwas von ihnen entdeckte. Im Sommer stiegen sie, von zwei grimmigen Wölfen begleitet, zur Orbequelle herab, um in derselben zu baden; niemand wagte es, aus Scheu vor ihren Zauberkräften und ihren wachestehenden Thieren, sie zu belauschen. So menschenfeindlich sie erschienen, manchmal kamen sie doch, wenn auch selten, in Häuser und Hütten und ertheilten bei Krankheiten und Unglücksfällen Rath oder brachten Geschenke.
Einmal versuchte es ein junger Eisenarbeiter, sie zu belauschen. Er schlich in die Höhle und fand die Feen dort schlafend. Nachdem er sie beim Schein seiner Fackel betrachtet und dabei die seltsame Missgestalt ihrer Füsse entdeckt, wollte er sich wieder entfernen; aber sein Fuss stiess an einen Stein, der dadurch in's Rollen gerieth. Das Geräusch weckte die Schlummernden, welche entsetzt und erzürnt emporsprangen, den Frevler ergriffen und mit ihm die Höhle verliessen. Niemals sah man sie und den Burschen wieder. Damals soll auch ein Theil der früher viel grösseren Höhle zusammengestürzt sein.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch