Schloss Vufflens
Von dem Schlosse Vufflens, welches dritthalb Stunden westlich von Lausanne liegt, wird erzählt, dass dessen Thürmchen ein wilder Ritter erbaut, der vergebens auf die Geburt eines Sohnes gehofft. Vier Töchter, die ihm seine Gemahlin geboren, hatte er so wie diese zu ermorden befohlen; aber einen alten Diener erbarmten die unschuldigen Kinder wie die tugendhafte Edelfrau. Dieser erzog im Stillen in den vier Thürmchen die vier Fräulein, und gab seiner Gebieterin Gelegenheit, im Verborgenen ihr Leben zu fristen. Der Ritter, der seine Gattin und Kinder ermordet glaubte, heiratete wieder, doch wurde er für seine Frevel vom Schicksal hart bestraft; denn seine zweite Gemahlin war das Gegentheil der ersten, ein lasterhaftes Geschöpf, die seinen Namen entehrte. Nach einigen Jahren starb auch sie, ohne ihm einen Erben zu hinterlassen. Da erwachte das lange verhärtete Gewissen des Ritters, und Verzweiflung erfasste ihn bei dem Gedanken, der Mörder seines Weibes und seiner Kinder zu sein. In seiner höchsten Verzweifelung auf dem Todbette kam der redliche Diener mit den seither herangewachsenen Fräuleins und der trauernden Gattin, welche das Lager des Sterbenden umgaben, und versöhnt und ruhig starb der Sünder.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch