Die Mühle unter dem Eis
Oben bei der Jungfrau, zwischen dem Giessen- und dem Guggigletscher, ist heute nur noch Schnee, Eis und Geröll. Früher aber soll dort oben ein Dorf gewesen sein. Am Bach stand eine Mühle, und auf den grünen Wiesen weideten die Tiere, und hier und da wurde sogar Korn angebaut. Die Ziegen wurden jeden Morgen von einem Zwerg auf die schönen Alpweiden geführt und abends wieder ins Dorf zurückgebracht. Als Lohn bekam er einen Scheffel Korn. Aber der Müller war ein geiziger Mann. Er betrog nicht nur die Leute im Dorf, sondern gönnte auch dem fleissigen Zwerg nichts. Er drückte seinen Finger so lange auf die Waage, dass dem armen Zwerg nur noch ein Häuflein Mehlstaub als Lohn blieb. Der Zwerg nahm das Säckchen und sagte kein Wort. Doch als er oben bei der Jungfrau stand, rief er ins Tal hinab:
Heute blüht der Weizen zum letzten Mal,
Der Schnee wird alles bedecken bis ins Tal.
Dann griff er in den Sack und warf den Mehlstaub in die Luft, und wie er den leeren Beutel schüttelte, kam auf einmal ein Unwetter auf. Es wurde eisig kalt, der Sturmwind trieb Schneeflocken über die grünen Wiesen, und über Nacht verschwanden das Dorf und die Mühle unter Eis und Schnee.
Bis heute wächst dort kein Gras mehr. Die Gletscher strecken ihre Zungen ins Tal hinab, und der Wind heult zwischen den Felsen. Unter dem Eis aber steht immer noch die Mühle. Nachts hört man sie klappern, und es heisst, dass der geizige Müller bis in alle Ewigkeit Korn wiegen muss.
Fassung D.jamila Jaenike, nach: A. Streich, Brienzer Sagen, Interlaken 1938.