Der verlorne Berg
a. Es war in alten Zeiten eine fette grosse Wiese auf dem Sanetsch zwischen dessen vier hohen Spitzen; sie gehörte einem geizigen alten Weibe, das so reich war, dass man vom Berg bis in das Dorf die ganze Strasse mit ihren Käsen hätte bedecken können. Dieses Weib traf ein anderes altes krankes Weib an, das einen Bissen Käse begehrte; aber die reiche geizige Frau antwortete, sie habe keinen Käse. Das arme Weib aber war ein Engel Gottes. Alsogleich erbebete das Gebirge; die vier Spitzen des Sanetsch fielen herab, die Wiese wurde von Trümmern bedeckt, und heisst bis auf diesen Tag zur Warnung wider Härte der verlorene Berg.
b. Zwischen Wallis und dem südwestlichen Berner Oberlande liegt der Sanetschgletscher, dem die Saane entfliesst. Auf der Walliser Seite ist der sogenannte verlorne Berg, eine grause Wüste, wo man nur Schutt und Steingerölle sieht, und nur selten einen Grashalm. Von diesem Berge wird Folgendes erzählt:
Vor einigen hundert Jahren enthielt dieser Berg grasreiche Weiden, und im Sommer sah es hier sehr lebhaft aus, wo jetzt der Tod herrscht. Unten im Thale wohnte ein sehr reicher Landmann in einem stattlichen Hause; vor demselben bis zu seinem Staffel auf der höchsten Alp hätte er einen breiten Weg mit Käse bepflastern und belegen können, so reichlich waren seine Keller damit versehen. Bei aller seiner Wohlhabenheit war er aber auch entsetzlich filzig und geizig. Ärmlich kleidete er Frau und Kinder, und kaum gönnte er den Seinen und den Knechten und Mägden die schlechteste Nahrung. Kam ein Bettler und bat um ein Almosen, so wies er ihn schnöde, mit harten Worten ab. Einst wankte ein alles, krankes Mütterchen daher, und flehte um ein Stück Brot und um einen Trunk Milch, weil es vor Hunger und Durst verschmachte; aber der Reiche schmetterte die Hausthüre, gegen das Bettelgesindel scheltend und polternd, hinter sich zu. Vor Schrecken sank die Arme ohnmächtig dahin. Ein vorübergehender Bettler erbarmte sich ihrer; selbst dürftig, kannte er die Noth anderer, theilte mit ihr ein Stück schwarzes Brot, das sie labte und stärkte, und holte ihr aus dem nahen Brunnen einen kühlenden Trank. Erquickt und wohlgemuth ob der menschenfreundlichen Hilfe von ihresgleichen erklomm sie langsam, auf einen Stab gestützt, den steilen Berg in Begleitung ihres Wohlthäters. Oben trennten sie sich; vorher aber warf sie noch einen wehmüthigen Blick auf die Wohnung des hartherzigen Reichen im Thale.
Kurze Zeit hernach ereignete es sich, dass fürchterliche Stürme, mit Donner und Blitz und Erdbeben begleitet, den nahen Untergang der Welt anzukünden schienen. Zitternd verkroch sich jedermann in seiner Stube; nur der Reiche sah stolz und höhnend dem Brausen der Elemente zu. Aber mit donnerähnlichem Knalle und Toben löset sich vom höchsten Gipfel des Sanetsch eine ungeheure Masse von Fels und Eis, alles verwüstend, mitreissend und verheerend, mit Blitzesschnelle in die Tiefe. Und verschwunden waren die grasreichen Tristen, die üppigen Wiesen; keine Spur von dem Hause des Reichen war vorhanden, und ringsum ward alles eine unfruchtbare Wüste.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch