Mutabor Märchenstiftung

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Die Ersteigung des Fletschhorns

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Die Spitze des Fletschhorns (4016 M.) ist nachweislich im Jahr 1856 zum ersten Male erstiegen, nach der Sage aber schon früher. Die Zeit weiss man nicht mehr, aber eigenthümlich ist die Angabe, dass dem ersten Besteiger als Lohn seiner That die Fletschalp zugefallen sein soll. Sein erster Versuch führte ihn zwar schon zu einer bedeutenden Höhe, aber angesichts der schrecklichen Zerrissenheit und Vergletscherung der obersten Region ermattete seine Kraft. Da rief eine geisterartige Stimme von oben ihm zu: "Bring einen Hund mit und eine Katze und einen Hahnen!" Er that am folgenden Tag wie ihm geboten war, aber zuerst stürzte der Hund von einem Felsen herab, dann fiel die Katze in einen tiefen Abgrund und bald war auch der Hahn erfroren. Dabei wirbelte Schnee mit kleinen Eisstücken vermischt von der Höhe auf den Steiger herab, ein weiteres Vordringen war unmöglich und nur mit grosser Anstrengung kam er wieder in's Thal, wo er mit Tadel und Spott empfangen wurde. Das reizte aber den kühnen Mann zu einem nochmaligen Versuch. Als die Witterung eines andern Tages ihm günstig erschien, machte er sich wieder auf mit seinem sonderbaren Dreigespann, kam auch höher als das vorige Mal, aber wieder verendeten die drei Thiere in kläglicher Weise. Er selbst ging noch weiter aufwärts und glaubte bald den Gipfel erreicht zu haben, die Füsse hätten ihn auch noch weiter getragen, allein dem sonst schwindelfreien Mann war es, als ob der Kopf auseinander gehen wollte. Er musste sich niedersetzen, sobald er aber in die Höhe wollte, war der wüthende Schmerz im Kopfe wieder da. Da blieb ihm nun nichts übrig als wieder abwärts zu steigen. Als dann eines Morgens die Lust rein und klar war und die Gletscher oben blinkten, da erfasste ihn nochmals die unwiderstehliche Lust, den Kampf mit dem Berge wieder aufzunehmen, wenn es auch sein Leben kosten solle. Er sah sich aber vor und legte einen eisernen Reif um die Stirn. Da konnte der Kopf nicht zerspringen und weil auch sein Muth eisern blieb, kam er wirklich auf die Spitze des für unbezwingbar gehaltenen Berges und die Fletschalp wurde sein Lohn.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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