Mutabor Märchenstiftung

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Die fliegende Viper

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

In Vouvry erzählt man sich viel von einer fliegenden Viper, und schildert sie als eine geflügelte Schlange von mächtiger Grösse, welche einen feurigen Schweif besitzt und in der Stirn einen grossen Diamanten trägt, der als Auge dient und, wenn sie über der Erde dahin schwebt, weithin leuchtet. Zu gewissen Zeiten kühlt sich das Unthier in Bächen und Teichen ab, legt aber, bevor es in's Wasser geht, das Auge am Ufer nieder. Da der Diamant einen ungeheuern Werth besitzt, so streben viele Leute darnach, ihn zu erlangen; jeder Versuch ist aber mit der höchsten Gefahr verbunden, weil die Viper ihren Schatz sorgsam bewacht und jeden umbringt, der sich ihr zu nahen wagt. Dennoch kam einmal ein Einwohner von Vouvry zum Ziel. Er versteckte sich in der Nähe der Badestelle der Viper, ergriff, als sie im Wasser war, plötzlich den Edelstein und flüchtete sich mit demselben in ein grosses und starkes Fass, das er dicht mit Nägeln, deren Spitzen auswärts standen, beschlagen hatte. Die Viper sprang sogleich auf das Fass los und suchte es durch Hin- und Herrollen zu zerbrechen; als es ihr aber nicht gelingen wollte, umschlang sie es, um es zusammen zu drücken. Da presste sie sich aber hunderte von Nägeln in den Leib und starb in wenig Minuten.

La Vuivra heisst ein Ungethüm mit einer Krone von Diamanten, Flügeln von Feuer und dem Körper eines Drachen. Sie haust abwechselnd in den Alpenseen von Lona, von Larduzan und von Esserce. Im Winter frieren diese Seen zu; — im Frühling hört man dann ein fürchterliches, unheimliches Krachen in der Tiefe: das thut die Vuivra, die das Eis durchzubrechen sucht, um nach einem andern dieser drei Seen zu fliegen. Im Fluge zieht sie einen langen Feuerschweif hinter sich her. Ihre Nahrung besteht aus Goldsand, der den Grund dieser Seen decke.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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