Die Schlange auf dem Inseng
Nicht weit von Vionnaz, einem Pfarrdorfe zwischen zwei Waldwassern, steht ein zackiger Berg, Inseng genannt. Eine ungeheure Schlange hauste einst auf dem Gipfel desselben, bald in einer tiefen, dunkeln, schaurigen Höhle zusammengerollt, bald dreifach um den Fels gewunden und sich an der Sonne wärmend. Alles Vieh, das sich dem Unthier nur auf eine gewisse Strecke nahte, ward von demselben durch ein gellendes Pfeifen, mit Schellengeklingel begleitet, wie betäubt und bezaubert, und dann plötzlich angepackt und verschlungen. Nahte sich kein Vieh, so machte die grässliche Schlange Streifzüge in die mittlern und untern Regionen des Berges, und verzehrte Kühe, Kälber, Pferde, Schweine, Schafe und Ziegen; nur die Menschen schonte sie, wenn man ihr Milch zu trinken gab, wornach sie sehr lüstern war. Ein junger Mensch, namens Finam Mario, entschloss sich, das Land von dieser schrecklichen Plage zu befreien. Er bewaffnete sich mit einem ungeheuern Stein und zerschmetterte im ersten Wurfe der Schlange Haupt. Der Prior von Lütry, über diese kühne That hocherfreut, entliess den Jüngling von der Leibeigenschaft.
Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch