Mutabor Märchenstiftung

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Das Muttergottes-Bild am Felsen

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Im Visperthal an einer schroffen Felsenwand des Rätiberges hinter St. Niklaus stehet hoch oben, den Augen kaum sichtbar, ein kleines Marienbild im Stein. Es stand sonst unten am Weg in einem jetzt leeren Kapellchen, dass die vorbeigehenden Leute davor beten konnten. Einmal aber geschah's, dass ein gottloser Mensch, dessen Wünsche unerhört geblieben waren, Koth nahm und das heilige Bild damit bewarf; es weinte Thränen: als er aber den Frevel wiederholte, da eilte es fort, hoch an die Wand hinauf und wollte sich auf das Flehen der Leute nicht wieder herunter begeben. Den Fels hinan zu klimmen und es zurückzuholen, war ganz unmöglich; eher, dachten die Leute, könnten sie ihm oben vom Gipfel herab nahen, erstiegen den Berg und wollten einen Mann mit starken Stricken umwunden, so weit hernieder schweben lassen, bis er vor das Bild käme und es in Empfang nehmen könnte. Allein im Herunterlassen wurde der Strick, woran sie ihn oben festhielten, unten zu immer dünner und dünner, ja als er oben dem Bild nah kam, so dünn wie ein Haar, dass den Menschen eine schreckliche Angst befiel und er hinauf rief: Sie sollten ihn um Gotteswillen zurückziehen, sonst wär' er verloren. Also zogen sie ihn wieder hinauf und die Seile erlangten zusehends die vorige Stärke. Da mussten die Leute von dem Gnadenbild abstehen und bekamen es nimmer wieder.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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