Mutabor Märchenstiftung

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Die rothe Buche

Land: Schweiz
Kanton: Zürich
Kategorie: Sage

Auf dem Bergrücken des Irchels liegt das Pfarrdorf Buch. Am Wege nach diesem Dorfe steht am Stammberg eine rothe Buche, von der man Folgendes erzählt:

Eine schwere Hungersnoth lastete einst auf dem Lande und hatte eine todbringende Seuche zu ihrer Gefährtin. Alles starb weit und breit hinweg bis auf drei Brüder, die sich zärtlich liebten. Ihre Eltern, die in das Thal hinabgestiegen waren, um Nahrung zu holen, starben unterwegs. Sie waren Waisen und ohne Rath. Spärliche, unter dem Schnee hervorgekratzte Wurzeln nährten sie. Als der Frühling kam, sprang eine Feldmaus in ihre Nähe und wurde von ihnen erhascht. Nach einem langen Streite entschieden sie, dass der Jüngste das Blut aussaugen, die beiden andern das Fleisch geniessen sollten. Aber jener fuhr so hastig mit dem Thier nach dem Munde und war überdies so schwach, dass ihm das Thier in die Halsröhre hinab entschlüpfte. Er starb. Der Hunger riss die andern hin, den Leichnam zu verzehren, wobei einige Tropfen des noch warmen Blutes die Blätter einer jungen Buche besprengten. Bald ergriff sie jedoch solcher Schmerz, dass sie an derselben Stelle zu sterben beschlossen. Verschlungenen Armes lagen sie, als ein Jagdfalke sie entdeckte, und durch sein Geschrei verrieth. Der Jäger erfuhr von dem einen, eben sterbenden Jünglinge das Schicksal der Brüder. Man bestattete sie rund um den Buchensprössling, auf welchem die Blutstropfen klebten. Und da, wo die beiden andern Brüder ruhen, schossen nach Jahresfrist noch zwei andere Buchen auf und brachten ebenfalls Blätter mit rother Farbe empor. Alle Jahre am Himmelfahrtsfeste wird ein Volksfest gefeiert, zu welchem sich Zuschauer, selbst aus einiger Entfernung, einfinden, bei welcher Gelegenheit die jungen Landleute Zweige von der einzig noch stehenden der drei Buchen mitzunehmen pflegen.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

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