Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Die Kirche zu Wyla

Land: Schweiz
Kanton: Zürich
Kategorie: Sage

Vor vielen hundert Jahren gehörte das Dorf Wyla an der Töss zur Kirchengenossenschaft Turbenthal. Damals hausten auf dem Schlosse Breitenlandenberg zwei Brüder, Nachkommen dieses alten und berühmten Geschlechts, von denen der ältere ein wilder, roher Geselle, der andere ein frommer, mildthätiger Herr war. Als der Jüngere das rohe und unsittliche Treiben des Aeltern nicht mehr ertragen konnte, warnte er ihn mit ernsten Worten, verliess das Schloss und zog nach dem Schlösschen Wyla, um dort in der Stille zu leben und den Unterthanen Gutes zu thun. Oben aus dem schönen Hügel, an dessen Fuss die stattliche Wohnung stand, legte er sich ein hübsches Gärtchen an und liess es mit einer Mauer umziehen.

Der ältere Bruder, der noch ferner auf der Stammburg hauste, hatte die wohlgemeinte Warnung des Jüngern sehr übel ausgenommen, erzürnte auf den kecken und vorwitzen Knaben, wie er ihn nannte, und suchte ihn auf jede mögliche Weise zu ärgern und zu verletzen. Als dieser immer gleich ruhig blieb und dadurch die Meinung der Standesgenossen für sich gewann, erfasste den Aeltern ein heftiger Hass und er schwur mit grässlichen Worten blutige Rache.

Ob er seinen schändlichen Entschluss ausgeführt, hat man niemals erfahren; die treuen Wylaer aber fanden eines Tages ihren guten Grundherrn ermordet und von einem Pfeil und mehrern Stichen durchbohrt in der Mitte eines dicht entlegenen Gehölzes und schrieben die That dem ältern Herrn von Breitenlandenberg zu, der ihre Meinung dadurch zu bestätigen schien, dass er niemals ernstliche Schritte that, um den Mörder zu ermitteln. Den Verstorbenen aber begruben sie trauernd in sein Gärtchen auf dem Hügel.

Als das Testament des jüngern Herrn eröffnet wurde, fand sich, dass er die Erbauung einer eigenen Kirche für Wyla auf der Höhe angeordnet und die dazu nöthigen Gelder angewiesen hatte. Die Wylaer glaubten, der Selige habe dabei die nahe Grossackerhöhe im Sinne gehabt, und könne unmöglich sein Lieblingsplätzchen zu diesem Zwecke bestimmt haben.

Sie begannen deshalb gleich im folgenden Frühjahr auf jenem Hügel den Bau, indem sie Holz und Steine dorthin führten. Als aber die Nacht hereingebrochen war und die Werkleute von ihrer Arbeit daheim ausruhten, stiegen Geister hernieder, erfassten die fertig gezimmerten Balken und die behauenen Steine und trugen sie hinüber zum Grabe des edeln Breitenlandenberg am Schlossgärtchen. Am folgenden Morgen lagen Holz und Steine wieder im Schlossgärtchen und so am dritten Morgen.

Einige Bauern, welche die letzte Nacht auf dem Bauplatz gewacht hatten, sahen mit Erstaunen und Schrecken die Geister bei ihrer Arbeit und erzählten den übrigen das seltsame Wunder, wie gleich nach Mitternacht nebelhafte Gestalten erschienen und alles in kurzer Zeit durch die Luft fortgetragen hätten. Da errieth man dann leicht, dass der edle Stifter die Schlosshöhe zur Baustelle für die neue Kirche bestimmt hätte, und errichtete über seinem Grabe das schöne Gotteshaus. Den mit der Mauer umzogenen Garten schuf man in einen Kirchhof um. Seitdem bildete Wyla mit seinen Weilern ein eigenes Kirchspiel.

Quelle: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch