Die verwünschte Alp
Nicht weit von der "todten Alp" entfernt, breitet sich Sommer und Winter eine weite Schneefläche aus, tief unter der gewöhnlichen Schneegrenze. Auch hier grünte und blühte einst eine herrliche Alpentrist, auf der frohe Hirten während des Sommers ihrer Herde warteten und sorgsame Sennen die gewürzreiche Milch in goldgelbe Butter und saftige Käse verwandelten.
Einst kam aber die Alp durch Erbfolge in den Besitz eines harten Mannes, dessen Herz wie von ewigem Schnee umpanzert schien. Kein Armer fand bei ihm Erbarmen, kein Leidender helfende Theilnahme, kein Schmachtender Erquickung. Und damit sich auch hier das Sprichwort erwahre: "Wie der Herr, so der Knecht," bestellte er Sennen und Hirten nach seinem Herzen für die Alp, die er ererbt hatte.
Die Altbewährten, welche zum Segen des Besitzers hier milde gewaltet, viele Arme und Wanderer, die da vorüberzogen, freigebig erquickt und gestärkt und viele fromme Wünsche für das Gedeihen der Alp und der Herde geerntet, hatten, wurden vom neuen Besitzer schnöde entlassen und für ihre Treue mit Undank belohnt.
Den neuen Sennen wurde ein gewaltiger tigerartiger Hund beigegeben, damit er das Bettelvolk von der Alphütte fern halte. Derselbe war abgerichtet, auf jeden Fremden, der sich der Hütte zu nahen versuchte, loszustürmen, ihn zu Boden zu fällen und ihn zu zerfleischen, bis der rohe Senn seine Opfer genug gequält und misshandelt hielt und durch einen schrillen Pfiff den Hund zurückbeschied.
Einst nahte sich an einem trüben und stürmischen Tage wie solche auch im August nicht ungewöhnlich sind, eine zahlreiche arme Familie, die über das Gebirge gekommen war, der Alphütte und flehte mit eindringlichen Worten um Obdach und Erquickung für die bald einbrechende Nacht. Es waren Greise und hilflose Kinder unter ihnen, die weder die Reise fortsetzen noch das Ungestüm der Witterung länger schutzlos zu ertragen vermochten. Allein die rohen Hirten hatten für die Noth und den Jammer der armen Leute nur Hohn und Spott, aber kein Herz, das von Mitleid bewegt wurde und keine Hand, die Hilfe zu bieten bereit gewesen wäre. Der Tigerhund, von den Alpenknechten gehetzt, fiel mit grausamer Wuth über die flehenden Armen her und zerfleischte sie in erbarmungslosester Weise, so dass mehrere unter dem Bisse seiner scharfen Zähne ihr Leben aushauchten. Herzzerreissender Jammer der Misshandelten erfüllte die Luft und stieg zum Himmel, Hilfe und Schutz von dem erflehend, der sich auch der Armen erbarmt und ihre Dränger die gerechte Strafe erfahren lässt.
Die Wenigen, welche der Mordwuth des grausamen Hundes entgingen, ergossen, als sie die unheimliche Stätte verliessen, den Schmerz und die Erbitterung, die ihre Seele erfüllten, in Verwünschungen über die entmenschten Alpenknechte und über die Trift, welche das Blut ihrer Väter und Kinder getrunken. "Mögen die Wolken in dichtem Schneegestöber sich über diese Stätte entladen und Hirten, Senn und Trift unter einer unzergänglichen Schneedecke bis zum jüngsten Tage begraben!" So sprachen die Armen in ihrem verzweifelungsvollen Schmerze und rafften ihre letzten Kräfte zusammen, um eine benachbarte wirthlichere Alphütte zu erreichen, wo ihnen das erbetene Obdach und die erflehte Erquickung willig und gerne um Gotteswillen gewährt wurde.
Ueber die "verwünschte Alp" aber tobte der Sturm mit steigendem Ungestüm, die Herden verliefen sich brüllend nach den benachbarten Alpen und nur der Tigerhund verblieb bei seinen Gebietern. Als der Morgen graute, starrte eine weite und dicke Schneedecke über die ganze Fläche hin, die Tages vorher noch im Schmucke der gewürzigen Alpenkräuter und Alpenblumen gepranget. Die Alpenhütte mit ihren ruchlosen Bewohnern war für immer unter Schnee und Eis begraben. Sommer und Winter strahlt sie eisigkalt dem Himmel entgegen, als ewiger Zeuge der Flüche, die aus der "verwünschten Alpe" ruhen. Wenn aber im Spätherbste in den langen mondlosen Nächten die Stürme hier zu toben beginnen, da regt sich auf der schneeigen Fläche ein wildes grausenerregendes Geisterleben. Die verschütteten Alpenknechte steigen mit ihrem Tigerhunde aus dem eisigen Grabe und wiederholen ihre wilde Jagd auf die Armen, welche hilfeflehend der Hütte sich nahen wollen.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch