Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Hirtentreue

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Glarus und Bünden hatten sich einstens entzweit, und es erhob sich zwischen ihnen oft Zank und Reiberei. Da sammelten sich die Glarner und unternahmen einen Raubzug gegen die Bündner. Sie kamen auf den Flimser Stein, wo sie die Sennen in die siedende Milch warfen; nur einer derselben konnte sich retten.

Als die Glarner das Vieh zusammengetrieben und mit demselben sich entfernt hatten, kroch er aus seinem Verstecke, in das er sich gerettet hatte, hervor, stieg auf eine hohe Tanne und blies in sein Horn:

"Trubina! Trubina!

's Landamma's die bru Chua

Mit der grosse Schälla

Und alls goht

Vorna duri

Dem Glarnerland zua.

Jh guga, ih guga;

Mi Guga verspringt.

Gott Vater, Gott Suhn

Zum Himmel mi bringt."

Der Senn blies so heftig in sein Horn, dass er versprang und von der Tanne herabfiel. Sein Blut rieselte wie ein Bächlein am Flimser Steine herunter, und so entstand jener rothe Streifen an demselben. Trubina, die in Flims wohnte, die Geliebte des Sennen war und den Mahnruf desselben vernommen hatte, machte die Dorfbewohner schnell mit der schrecklichen Kunde vertraut.

Die Flimser jagten den Feinden nach und ereilten dieselben im ersten Dorfe, wo die Räuber über der Grenze im Wirthshause sassen, indes diese das Vieh in einem Baumgarten zum Verkaufe angebunden hatten, zechten und, so lange sie das Geläute der Glocken und Schellen hörten, an keine Gefahr dachten. Als sie aber aus dem Wirthshause kamen, fanden sie im Baumgarten nur noch einen Stier, den die Bündner zurückgelassen. Diese hatten nämlich allem Vieh Glocken und Schellen abgenommen, diesem Stiere angehängt und auf diese Weise die Glarner getäuscht, aber ihr Vieh gerettet.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882. 

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