Mutabor Märchenstiftung

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Entstehung des Alpenhorns

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Sonst wenn der Frühling mit der Schalmei und mit dem Blumenkorb durch Berg und Thal wanderte, und die frohen Sennen ihre Herden wieder zu Berge getrieben hatten, vernahm man fast jeden Morgen ab der Wengenalp die melodischen Töne zweier Alpenhörner, jetzt aber weckt selten ein solches Instrument das Echo der Felsen.

Dort, auf der Wengenalp, hirtete nämlich in alten Zeiten ein wunderschöner Jüngling, welcher die Alpenhörner erfunden haben soll. Das erste Alphorn, welches seine geschickte Hand verfertigte, schenkte er seiner Geliebten, einer Sennerin, die nicht sehr weit von ihm auf einer Alp hütete und das Horn gar bald mit grosser Fertigkeit blasen lernte.

Früh morgens, wenn die Sonne mit ihren Purpurstrahlen die Firnen vergoldete, folgte der Hirt seinen Kühen auf die Weide, setzte sich dann ins Grüne, oder lehnte mit dem Rücken an einen Felsen und blies ein lustiges Stücklein auf seinem Alphorn. Bald erschien dann gegenüber auf der andern Alp des Jünglings Geliebte mit ihrem Sennthum und blies zur Beantwortung gleichfalls ein Stücklein. Bald bliesen sie zusammen zweistimmig ein Lied, bald hörte man wieder ein liebliches Solo. So unterhielten sich die zwei Liebenden manche Stunde miteinander und theilte eines dem andern seine Gedanken durch Alpentöne mit. Zwei Frühlinge brachten sie in solchem Liebesgespräche zu, aber der dritte sollte sie aufs innigste miteinander verbinden; so hatten sies unter sich verabredet.

Der dritte Frühling kam; die Triften der Berge schmückten sich mit den herrlichen Blumen. Die Sennen hatten ihre stillen Thäler auch wieder verlassen und jauchzten frohe Lieder auf den Höhen. Da erschien auf der Wengenalp der Jüngling wieder mit seinem Alphorn und blies einen lustigen Reigen, aber seine Geliebte antwortete nicht; er blies zum zweiten Male und wiederum vernahm er keine Antwort; er blies zum dritten Male und nun klang es in sanften Alpentönen zu ihm herüber:

"Im Frithof han myn Platz ich g'non,

O möchtist bal doch zu mir chon!"

(In dem Friedhof hab' ich meinen Platz genommen, Möchtest du doch auch bald zu mir kommen!)

Als der Hirt dieses hörte, wurde er über alle Massen traurig; Schmerz und Wehmuth durchzuckten seine Brust. Er nahm das Alphorn, aus welchem er früher so liebliche Melodien gelockt, und schlugs an einen Felsen, dass es in Stücke zerfuhr; seine friedliche Herde verliess er alsobald und wählte seinen Aufenthalt im wildesten Gebirge. Dort endigte er bald sein Leben, aber niemand will wissen, auf welche Art und Weise dieses geschehen sei.

Die Alphörner aber wusste lange Zeit hindurch niemand mehr zu verfertigen.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882. 

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