Untergang von Gross-Ernen
Vor vielen und vielen Jahren war Gross-Ernen ein stattliches Dorf in der Gegend bei Viesch. Die Bewohner waren lieblos, hartherzig und bös; darum wollte sie der liebe Herrgott strafen zum warnenden Beispiele für andere Menschen. Bevor jedoch der Himmel seine Strafgerichte los liess, wollte er die Bewohner des bösen Dorfes noch einmal auf die Probe stellen. Er sandte deshalb zwölf Engel in Gestalt armer Leute ins Dorf, die an allen Thüren vergebens um Einlass baten. Ja man beschimpfte sie sogar von den Fenstern herab und jagte sie mit Steinen aus dem Dorfe. Bei einer armen Witwe aber ausserhalb des Ortes fanden die Fremden bereitwillig Einlass und Nachtherberge.
Da ward nun freilich das Mass über das böse Dorf voll. Ein furchtbarer Sturm mit Blitz und Donner entlud sich in das Gebirge, welches gelockert unter schrecklichem Krachen zu Thal stürzte und Gross-Ernen mit Mann und Maus verschüttete. Das Dorf lag im sogenannten Lauwili. Nur das Haus und die Wiese der barmherzigen Witwe blieben verschont, wie sie noch können gesehen werden.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch