Mutabor Märchenstiftung

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Das versunkene Kloster

Land: Schweiz
Kanton: Zug
Kategorie: Sage

Auf dem Wolfsberge im Lande Zug stand, wie die Sage erzählt, in uralter Zeit ein Kloster; plötzlich aber verschwand es spurlos. Doch vernahm man noch lange nachher von Zeit zu Zeit das Läuten der Horaglocke, welche von der Höhe in feierlichen Tönen zu Thal schallte.

Ein Bauernknecht von Menzingen hörte einmal auch den Glockenklang und als er auf die Spitze des Berges kam, sah er dort ein hellpoliertes, viereckiges Marmorkreuz. Neugierig betastete er es, und plötzlich stand ein herrliches Klostergebäude im gothischen Stil mit zwei hohen Thürmen da. Ein bleicher Bernhardinermönch trat heraus und winkte ihm zu folgen. Nachdem er eine lange Halle durchschritten, kam er in den hohen Dom, der von mildem Dämmerschein schwach erhellt war. Ein schwarzer Vorhang trennte den Chor von dem Schiff, rollte sich aber langsam in die Höhe, sobald der Mönch seinen Saum berührte. In jedem der reich verzierten Chorstühle, welche den prächtigen Hochaltar umgaben, sass ein schlafender Mönch und auf einem erhöhten Thronsitze, zu dem mit Goldstoffen belegte Stufen führten, schlummerte unter reichem Baldachin der greise Abt, angethan mit dem priesterlichen Gewande, die Inful mit der auf dem Schosse ruhenden Rechten haltend. Der Mönch schritt mit dem Bauernknecht gerade zum Thronsitz hin. Da schlug der Greis langsam die Augen auf, erhob sich mit gebietender Hoheit, wandte das schneebleiche Antlitz dem Mönche zu und fragte mit tiefer Grabesstimme: "Welche Zeit ist draussen?" Der Knecht meinte in seiner Verwirrung, ihm gelte die Frage. Schnell erwiderte er: "Es wird halb fünf sein, gnädiger Herr!" Da brauste ein Sturm durch die weite Halle und in demselben Augenblicke verschwanden Kirche, Abt und Mönch und sah sich der Menzinger auf einem grossen Stein am Wege sitzen. Hätte er geschwiegen, fügen die Erzähler im Dorfe hinzu, so hätte er wunderbare Dinge erfahren und vielleicht auch ein reicher Mann werden können.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch