Mutabor Märchenstiftung

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Das Fräulein von Aigremont

Land: Schweiz
Kanton: Waadt
Kategorie: Sage

Vor alten Zeiten war der strenge und übermüthige Herr von Aigremont in einer Fehde mit den Wallisern begriffen. Seine Tochter, die nicht sehr beherzt gewesen zu sein scheint, fürchtete einen Ueberfall der Burg. Sie sammelte ihre Ringe, Ketten und Juwelen, that sie nebst ihrem Spargelde in ein kleines, wohlverschlossenes Kästchen von Eisen, trug es an das Ufer des grünen Sees, stieg in einen Nachen, mit dem sie bis in die Mitte desselben schiffte, und senkte ihren Schatz in das tiefe Gewässer. Unbemerkt kam sie wieder in ihr stilles Kämmerlein zurück; denn es war beinahe ganz dunkel, als sie dies that, nur hin und wieder blickte der Mond blass durch schwarze Wolken hervor, wenn sie ob des Windes Toben in ihrem schnellen Fluge sich zerrissen. Man hat dort lange und oft nachgesucht, aber leider das eiserne Kästchen mit seinem reichen Inhalte bis auf den heutigen Tag nicht entdecken und vom Grunde des Sees heraus fischen können.

Hin und wieder sieht man, besonders an jedem Quatemberabend, das Fräulein von Aigremont, zumal wenn der Mond mit seinem Silberlichte das Thal matt beleuchtet, an den Ufern des grünen Sees wie im Schatten daherschleichen, wahrscheinlich um ihren Schatz zu hüten, obschon sie ihn nicht brauchen kann. Die Nachtwandlerin ist gerade so gekleidet, wie die braven Weiber von Ober- und Unter-Ormund.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882. 

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