Mutabor Märchenstiftung

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Die Felsenjungfrau im Simmenthal

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Ein Berner Oberländer hatte allzufrüh schon sich um sein Lieseli umgeschaut, konnte sie nicht gleich zum Weibe bekommen und that nun sterbensverliebt und todesbetrübt. Um sich ein wenig zu zerstreuen, lief er zu Berg nach den Kühen auf der Weide. Als er zum Brunnen auf der untern Staffel gestiegen war, sah er neben der Fluh einen altrostigen Schlüssel liegen. Im Felsen gewahrte er auch bald ein Schlüsselloch, steckt an und dreht, die Wand öffnet sich und lässt ihn durch den Felsgang der Reihe nach in zwei grosse Gemächer. Im zweiten versperrt ein herabhängender Stein den Weg, doch mit Noth kann man drunter wegkriechen. Da dies gethan ist, erhebt sich eine Stimme: "Unglücklicher, vollende dein Vorhaben, geh auch ins dritte Gemach!" Er thuts und schreitet in einen neuen Saal hinein. Hier sitzt eine Jungfrau, alterthümlich gekleidet, einen Hafen voll Gold zu Füssen, neben sich an der Wand eine goldene Glocke. Sie sei hier auf so lange verwünscht, sagt sie ihm, bis ein Erlöser komme, nun habe er die freie Wahl zwischen zwei Gaben. Entweder könne er diese Glocke, oder diesen Goldhasen mit sich nehmen, wähle er aber sie selbst, so bekomme er die zwei andern Schätze mit drein. Der Bursche denkt einen Augenblick an sein Lieseli und schwankt, zuletzt nimmt er die goldene Glocke von der Wand. Während ihn die Jungfrau mit Klagen überhäufen will, entflieht er durch die Gänge, und hinter ihm wirft sich die Thüre wieder zu, dass die Bergwand bebt. Jetzt steigt er nicht mehr weiter bergauf zu den Weidkühen, sondern hinunter ins Thal zum Lieseli; wenn er ihr die Goldglocke bringt, eine goldene Glocke zur Alpfahrt, so wird sie ihn ohne Umstände heiraten. Aber da er zur Liebsten kommt, hat die ihn längst vergessen, hat längst einen andern lieb gewonnen und hat den geheiratet. Was soll der Bursche nun machen? Ruhelos geht er nun weiter, denkt immer an die Felsenjungfrau, die ihn mit dem ersten Worte schon ein Unglückskind geheissen hatte, und nun erst möchte er Schlüssel und Schlüsselloch an der Bergwand wieder finden, um es diesmal gescheiter zu machen. Er steigt mit seiner Goldglocke zur Alpe und läutet auf allen Matten und Staffeln. Dies ist aber alles vergebens; er kommt darüber immer tiefer in die allerwildesten Berge hinein. Endlich erreicht er einmal abends wieder eine Alphütte; vor der Thüre spaltet ein steingrauer Mann eben Holz. Hier möchte er übernachten; er bittet ihn flehentlich darum und erzählt sein betrübtes Schicksal. Aber dieser Alte ist nichts weniger als gerührt; kaum hat er den Hergang zu Ende gehört, so jagt er den Burschen auf der Stelle davon. "Die Felsenjungfrau," ruft er erzürnt, "ist meine eigene Tochter, nun muss sie wiederum in langen Fristen auf den Erlöser warten!"

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch