Mutabor Märchenstiftung

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Das verwunschene Fräulein in Gerunda

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

In den verschlossenen unterirdischen Gewölben von Gerunda sitzt neben ungeheuern Schätzen eine wunderschöne Jungfrau. Sie wurde vor Zeiten von ihrem Vater verwünscht, diese Schätze zu bewachen. Nur alle Jahrzehend, am Ostermorgen, kommt sie heraus zu einer Quelle, die nur dann fliesst, und wäscht und kämmt sich an derselben. Dann allein kann sie erlöst werden. Bietet sich hiezu jemand an, so verwandelt sie sich in drei grause Ungethüme: erst in eine Kröte, dann in eine Schlange, zuletzt in einen Löwen. Wer diese Ungethüme in den Schlund küssen darf, erlöst das Fräulein. Noch aber harrt sie der Erlösung; denn niemand wagte bisher solche Küsse.

Ein Vater mit seinen zwei Söhnen traf einst die Jungfrau am Brünnlein. Die drei Männer versprachen, sie zu erlösen. Das Fräulein erklärte denselben die Bedingungen, verhiess ihnen reiche Schätze im Falle der Erlösung, aber auch schrecklichen Fluch, wenn sie zurückweichen sollten. Die drei versprachen standzuhalten, komme was da wolle, und die Jungfrau begann ihre Verwandlungen. Zuerst hüpfte sie als Kröte herum; die war aber so garstig, dass den Männern alsbald der Muth entfiel. Noch mehr graute ihnen vor der Schlange, welche sie schon von weitem mit ihrem langen stachlichen Schnauzbarte stach. Als aber der Löwe mit weitgeöffnetem blutrothem Nachen in mächtigen Sätzen dahersprang, da wandten sich alle drei und liefen so schnell sie konnten. Das Fräulein aber schleuderte ihnen schrecklichen Fluch nach, und dieser lastet noch auf ihrer Nachkommenschaft bis ins neunte Glied.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882. 

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