Der Schatz in den Auen
In den untern Auen hinter Schwende sprudelt eine reiche Quelle, einem Bache gleich, aus dem Felsen hervor. Darauf zu kamen an einem Karfreitage drei Sennen, unter welchen einer ein Fronfastenkind war, vom Alpsiegel herab. Als sie nun an der Quelle vorbei gehen wollten, sah das Fronfastenkind neben einem Felsblock eine wunderschöne Jungfrau, die sass auf einem Sennenkessel, der mit Geld gefüllt war. Er wies seine Begleiter darauf hin, allein die sahen nichts. Er ging aber muthig auf die Jungfrau zu, die ihn mit so holdseliger Freundlichkeit empfing, dass er es nach einer Weile wagte, sie zu fragen, ob sie nicht sein Weib werden möchte. Sie willigte ein und versprach ihm als Mitgift den reichen Schatz, den sie hüte, unter der Bedingung, dass er sie am Samstag nach Ostern an dieser Quelle abhole. Zur Sicherheit aber soll er einen Kapuziner mitnehmen; denn sobald er die Auen betrete, werde ein fürchterliches Sausen, Rauschen, Donnern und Blitzen entstehen.
Von dem allen aber dürfe er sich nicht erschrecken lassen, müsse muthig vorwärts dringen und um alles nicht zurücksehen, möge auch geschehen, was immer wolle; denn von diesem nicht Zurücksehen hange sein Glück ab. Als er nun gehen wollte, ermahnte sie ihn, wohl zu bedenken, was er thue; doch wenn er komme, sei sie erlöst, sonst aber müsse sie noch hundert Jahre als Geist hier einsam trauernd wohnen. Er schwur ihr treu zu bleiben und ging mit dem festen Vorsatze, sie zu erlösen, heim. Der kühne Jüngling, der von Liebe zu dem schönen Frauenbilde entbrannt war, doch zugleich auch allzusehr verlangend nach ihrem reichen Schatze, konnte kaum die Stunde des Wiedersehens erwarten. Immer überlegte er, ob nicht das Geld allein sein Eigenthum werden könne, ohne dass er es mit einem andern, der ihm helfe, theilen müsse, und als der achte Tag am Himmel graute, kam er zu dem Entschluss, das Wagestück ohne einen Kapuziner zu bestehen. Er machte sich auch wirklich allein auf den Weg. Bald aber sah er, wie im Gebirge Blitze zuckten und hörte, wie in der Ferne dumpf die Donner rollten; doch blieb er unerschrocken. Allein je näher dem Ziele, je furchtbarer begann es zu rauschen und zu sausen. Es graute ihm wohl, doch blieb er standhaft und wankte Schritt für Schritt vorwärts. Da plötzlich krachte es; er glaubte hinter seinem Rücken rolle ein mächtiges Felsenstück den Berg hinunter und drohe ihn zu zermalmen. Er erschrak und sah zurück — da that der Erdboden sich auf und ein grausiger Schlund verschlang den verwegenen Mann.
Noch bis vor wenigen Jahren hörte man an jedem Karfreitage die Jungfrau wehklagen und den Sennen am Samstage nach Ostern zauren (jauchzen).
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch